Manchmal kommt alles anders...

Es gibt so Tage, da ist man in der Früh felsenfest überzeugt von dem, was passieren wird und dann kommt alles etwas anders.

Um 5:00 Uhr reißt mich der Wecker aus dem Schlaf, ich steh auf und dann läuft erstmal alles wie immer: Frühstück, Skischuhe zusammenbauen, Tee kochen, Brotzeit herrichten, Standheizung anschmeißen, usw. Eine Stunde später liegt die Ausrüstung im Auto und ich fahre los. Kurzfristig muss die Kathi leider absagen, ich habe also etwas mehr Zeit und schlage 20 min. eher bei Manu auf, der noch beim Frühstückt hockt. Wir denken nochmal kurz über unser Tourenziel nach, beschließen aber bei unserer Rinne in den Bayr. Alpen zu bleiben. Die haben wir schließlich im Sommer schon einmal begutachtet und neulich auch schon mal von der Straße aus gecheckt. Die sollte auf jeden Fall gehen!

Am Parkplatz hat es dann winterliche -17°C und die Handschuhe ziehen wir ab jetzt nur noch sehr, sehr ungerne aus... Erstmal heißt es sowieso Strecke machen, der Zustieg ist eben doch ein wenig länger und zieht sich. Der Schnee ist herrlich und tief. Für Manus Schneeschuhe schon fast zu tief...

Alle Strapazen sind aber sofort vergessen, als wir von unten den ersten Blick in "unsere" Rinne werfen. Sieht einfach gigantisch aus und hat diesen Winter auch noch keine Spur gesehen! Die Motivation steigt enorm! Wir sind heiß!

Am Sattel dann der erste "Atemaussetzer": Da ist ja schon jemand im Aufstieg! Der wird ja wohl nicht... oder doch? Nein, bestimmt nicht... Trotzdem lege ich einen Zahn zu und gehe etwas schneller. Der Aufstieg ist für Schneeschuhe mittlerweile gänzlich ungeeignet, die Latschen sind noch nicht weit genug eingeschneit und selbst mit Ski bricht man stellenweise durch.

Am Gipfel halten wir uns nicht lange auf, wir werfen lieber einen Blick in die Rinne, während die anderen Leute woanders abfahren. Und die Rinne sieht von oben noch besser aus, als von unten! Ok, Triebschnee liegt auf jeden Fall drin, also Obacht! Vorsichtig steigt der Manu ein und schaufelt einen kleinen Blocktest aus. Ergebnis: Bricht am Boden bei mäßigen Klopfen. Die Schwachschicht besteht aus aufbauend umgewandelten Kristallen. Typisches Altschneeproblem, aber eben in nem guten Meter Tiefe... Wir beschließen ein paar Meter weiter noch einmal zu graben. Dieses Mal kein Problem mit aufbauend umgewandelten Kristallen am Boden, dafür lassen sich die oberen 30 cm Triebschnee extrem leicht stören. Eigentlich ein absolutes No Go, aber warum gleitet das Brett nicht schon beim Reinlaufen ab? Ist der Triebschnee nur sehr lokal vorhanden? Ist die Schwachschicht nicht durchgängig? Weiter unten können wir nicht graben: Das wäre zu gefährlich, wenn dann tatsächlich was abgeht... Ein Seil haben wir nicht dabei.

Wir überlegen hin und her: Sind wir dumm, wenn wir trotzdem fahren? Unser Gefühl sagt schließlich, dass es hält und zu Fuß lässt sich nichts stören. Aber der Blocktest sagt doch nein... Ist der vielleicht nicht repräsentativ an der Stelle? Fragen über Fragen...

Letztendlich wägen wir die Konsequenzen eines Lawinenabgangs ab: Die Rinne ist trichterförmig und links und rechts sind große Felsen. Wenn hier was abgeht, dann sind wir vermutlich mindestens schwer verletzt... Das ist keine Option und deshalb drehen wir um! Nach einer guten Stunde Überlegen.

Das Bild spiegelt die Situation ziemlich gut wieder...

Wir fahren die Normalroute ab und finden auch hier guten Schnee!

Aber das kann es ja jetzt nicht gewesen sein für heute, also wieder raus mit den Fellen und Schneeschuhen! Aufstieg! Der Hunger treibt uns kurz in die Hütte, wo wir einen köstlichen Kaiserschmarrn verdrücken und gut gestärkt zur nächsten Rinne aufsteigen. Hopes are high und ja, die Rinne geht! Also Vollgas!

Und dann rockt das Teil, dass es nur so scheppert! Wir haben eine mordsmäßige Gaudi und lassen den Powder fliegen :D

Am Ende des Hanges fallen wir uns vor Freude in die Arme. Bingo!

Die Sonne geht schon unter, als wir durch den Wald  abfahren und in der Dämmerung skaten wir die letzen Meter zurück zum Auto. What a day!