Chamon' ice ! #1

Das erste Mal in Chamonix

Chamonix. Alle reden immer von diesem Chamonix, schwärmen von krassen Granit-Graten, verdammt steilen Couloirs und diesem Mont Blanc, der mit 4810m der höchste Berg der Alpen ist. Schaut man dann bei den bekannten Größen des Alpinsports in die Facebook-Feeds wird einem schnell klar - da muss man hin! Jo, Manu, Kathi und mir ging es da nicht anders...

Bereits im März hatten wir diesen Trip für Mitte Mai eingeplant und gehofft, dass das Wetter uns in die Hände spielen würde und wir im Mekka des Steep skiing nicht nur die ein oder andere coole Line fahren, sondern auch das Dach der Alpen mit Ski, bzw. Splitboard erreichen.

Am 10. Mai war es dann endlich soweit: Nach einem Großeinkauf, der vermutlich einen afrikanischen Stamm für Monate versorgt hätte, brachen wir gen Westen auf. Leider bescherte uns ein Problem mit der Abgasrückführung am Caddy einen nervenaufreibenden Zwangsstopp im baden-württembergischen Allgäu. Mit ziemlich genau 24 h Stunden Verspätung erreichten wir das Tal von Chamonix dann endlich am Donnerstag Abend.

Auftakt im Winterraum

Dass wir nicht ohne Akklimatisierung auf den Mont-Blanc gestiegen sind, versteht sich von selbst. Um uns an die Höhe zu gewöhnen und unsere Seilschaft ein wenig einzuspielen, haben wir entschieden die ersten Tage auf dem Glacier d'Argentìere zu verbringen. Dieser liegt östlich des Mer de Glace und um diese Jahreszeit nehmen nur noch wenige Skialpinsten den langen Zustieg in Kauf, der zu den Öffnungszeiten des Refuge d'Argentière durch die Gondel extrem verkürzt wird. Uns kam dieser Umstand sehr gelegen, schließlich lieben wir Winterraum-Feeling und einsame Täler.

Nach der morgendlichen Materialschlacht brachen wir bei strahlendem Sonneschein und sengender Hitze mit unseren voll beladenden Rucksäcken auf. Dank Skipiste konnten wir schon relativ bald die Ski anschnallen und über das Skigebiet, das seinen Betrieb längst eingestellt hatte, zum Gletscher aufsteigen. Das Wetter wandelte sich, wie vorhergesagt am Nachmittag zu einer trüben Suppe und die Hütte erreichten wir bei leichtem Schneefall.

Na, wer findet unser Domizil?

Eine schwere Eisentür gab nach 6,5 h Zustieg dann den Zugang zur Hütte frei, die uns nicht nur mit einem alten Motorrad auf dem Dach überraschte: Der Trockenraum für das Equipment war riesig und wird vermutlich auch zu den Bewirtungszeiten genutzt, der Winterraum war dagegen sehr spartanisch ausgestattet. Ein Tisch, zwei Bänke, ein kleines Regal und ein Holzofen, bei dem die Tür fehlte. Immerhin gab es etwas Holz...

Während noch drei Franzosen nach uns eintrudelten, bereiteten wir schon unsere Nudeln auf dem mitgebrachtem Gaskocher zu und machten ein Plan für den kommenden Tag. Nach einigem hin und her, für und wieder, entschieden wir uns trotz des nassen Neuschnees für den Glacier du Milieu, der immerhin mit einer 4.2 im Führer bewertet wird.

Glacier du Milieu

Um 4:45 Uhr riss uns der Wecker unsanft aus dem Schlaf und wir zwangen uns zum Aufstehen. Die Frage "Wieso machen wir das eigentlich?" hatte sich spätestens nach dem Verlassen der Hütte erledigt: Die umliegenden Gipfel der Berge Aguille Verte, Les Droites, Les Courtes, etc. wurden von der Sonne ins erste Licht getaucht und ein paar Wolken vom Vortag sorgten für ein spannendes, mythisches Ambiente.

Auf den ersten Metern über das unübersichtliche Moränengelände wurde schnell klar, dass der gefallene Neuschnee schlecht mit der Altschneedecke verbunden war und durchaus als Schnnebrett taugen würde, weshalb wir Entlastungsabstände einhielten. Nachdem wir dann den Gletscherabbruch nach Westen gequert hatten, legten wir das Seil an und spurten durch etwas Neuschnee und querten die ein oder andere abgeblasene harte Stelle, bis wir auf rund 3300 m eine kleine Pause einlegten.

Beeindruckende Granitnadeln und Gletscherbrüche am Glacier du Milieu

Nach einem letzten Flachstück folgte schließlich der anstrengendste Teil des gesamten Aufstieges: Der Gletscher steile immer mehr und mehr auf und nach dem Überqueren des kleinen Bergschrunds, lösten wir die Seilschaft auf, um effizienter gehen zu können. Die Schneedecke war übrigens so unregelmäßig, dass keine akute Lawinengefahr bestand. Kathi und ich versuchten gleich zu Fuß in Falllinie hochzustapfen, sanken aber bei jedem Schritt so tief ein, dass wir nach rund 100 m die Ski wieder anlegten. Im steilen Hang konnten nur noch Harscheisen für den entsprechenden Grip sorgen und vor allem für unseren Splitboarder Manu wurde der Aufstieg zu einer äußerst anstrengenden Angelegenheit. Auch Kathi hatte große Probleme: Nach dem Skistiefel-Desaster auf Island (...hier im Blog nachzulesen) hatte sie neue Schuhe gekauft und anpassen lassen, konnte diese vor unserem Chamonix-Trip aber nicht mehr testen. Die Rechnung kam prompt - Schmerzen an den Knöcheln und an der Ferse! Dass sich ihr Fell dann noch vom Ski löste, war einfach nur noch nervig. Jaaja, die liebe Ausrüstung...

100 m unterhalb eines Durchschlupfes, der mit knapp 45° den steilsten Abschnitt darstellt, schnallten wir unsere Ski auf den Rucksack, legten Steigeisen an und folgten der Spur der drei Franzosen, die uns mittlerweile in unserer Spur eingeholt hatten. "Merci beaucoup!" - So geht Arbeitsteilung!

Stapfen, stapfen, stapfen, ...

Schritt, Schnaufen, Schritt, Schnaufen, Schritt, ... Auf 3600 m spürte ich die Höhe dann ordentlich! Da ich mit Kathi die letzten Wochen nur auf max. 1000 m unterwegs war, fehlte uns wirklich die gewohnte "Grund-Akklimatisierung" und ich kämpfte mit Kopfschmerzen und fehlender Energie.

Steil ist geil, aber anstrengend...

Dementsprechend hielt sich auch meine Gipfel-Euphorie etwas in Grenzen. Ich wollte einfach nur was essen, sitzen und mich nicht bewegen. Trotzdem genossen wir die Aussicht und liefen sogar noch zum Einstieg des bekannten Y-Couloirs, das steil nach Süden auf den Glacier des Améthystes führt. Für uns war diese Variante allerdings keine Option an diesem Tag. Manu und Jo wollten allerdings nicht über die Aufstiegsroute abfahren und entschieden sich für eine Variante, die Manu von weiter unten bereits eingesehen hatte. Kathi und ich bevorzugten über den uns bekannten Hang abzufahren und somit trennten sich unsere Wege, bis wir uns unterhalb des Bergschrundes wieder treffen würden.

Berg heil! Erster Westalpen-Gipfel :D

Leider hatte die Stapferei zum Y-Couloir und die Beurteilung der Variante so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es zwischenzeitlich extrem zugezogen hatte und wir mit 10m Sichtweite am Gipfel hockten. Über Funk blieben wir mit den anderen zwei in Verbindung und warteten bis es etwas besser wurde. Skifahrerische Gefühlsextasen blieben natürlich aus - kontrolliert fuhren wir Schwung für Schwung im leicht angefrorenen Schnee aus der Wolkendecke heraus. Da wir Manu und Jo noch nicht sehen konnten, warteten wir unterhalb des Bergschrunds an einem sicheren Sammelpunkt, von wo aus wir unsere Abfahrt gemeinsam fortsetzten.

Die restlichen Meter waren wenig spektakulär u d schließlich erreichten wir die Hütte, trockneten unsere Klamotten, sortierten das Material und kochten das nächste Kilo Nudeln. Kathi beschloss am nächsten Tag auf der Hütte zu bleiben, um auszuschlafen, das Kopfweh zu bekämpfen und die Füße zu schonen, während wir auf das Col d'Argentière gehen würden.

Ein wenig Mai-Powder und absolute Einsamkeit

Zur selben Uhrzeit wie am Vortag quälten wir uns aus den Hüttenschlafsäcken und kippten etwas Müsli mit Wasser zusammen. Hunger hatte um die Uhrzeit zwar noch niemand, aber ohne Frühstück fehlt einem unterwegs schnell die Energie. Nach einer Stunde standen wir vor der Hütte und begutachteten den wenigen Neuschnee der Nacht und überlegten uns, wie wir am besten ohne Höhenverlust nach Osten auf den Glacier du Tour Noir kommen. Da wir wenig Lust hatten über das steile Geröll der Moränen abzuklettern, rutschten wir auf Fellen bis zu einem kleinen Durchschlupf, trugen die Ski ein paar Meter hinab und querten dann im flacheren Gelände wieder nach Osten.

Die morgendliche Stimmung war bezaubernd: Die Gipfel waren von Woken eingehüllt und es dämmerte, während wir gleichmäßig richtung Gletscherzunge spurten. Dort seilten wir uns an und schnell hatten wir ein gutes Tempo gefunden und gewannen rasch an Höhe. Die großen Querspalten waren allgemein sehr gut eingeschneit und lediglich ein größerer Bruch auf 3200 m musste umgangen werden. Während des Aufstieges beobachteten wir auf der anderen Talseite einen Skialpinisten, der die Nacht ebenfalls auf dem Refuge d'Argentière verbracht hatte und die Nordostflanke von Les Courtes befahren wollte, aber offensichtlich viel zu spät aufgebrochen war. Als sich in den benachbarten sonnenbeschienen Flanken die ersten Lockerschneelawinen lösten, brach er schließlich ab. Gleichzeitig erreichten wir wieder weniger steiles Gelände, wo sogar noch eine ganz gute Powder-Auflage zu finden war. Sehr geil!

Damit uns die Sonne den Abfahrtsspaß vom Col d'Argentière nicht regelrecht anbraten würde, hielten wir uns an der Scharte (3520 m), trotz atemberaubender Aussicht nicht besonders lange auf. Ohne Seil genossen wir dann die Abfahrt im Pulverschnee, der erst relativ weit unten schwer wurde. Wahnsinn, Mittte Mai nochmal so ein Skispaß!

Ein kleiner Gegenanstieg trennte uns drei noch von der Hütte und dann packten wir unser gesamtes Equipment ein und fuhren gemeinsam mit Kathi über den großen Argentière-Gletscher und die Skipiste ins Tal. In den langen Querungen hielten wir uns dabei nicht lange auf, denn zahlreiche Lockerschneerutsche und Geräusche von Eis- und Felssturz machten deutlich, dass es eindeutig schon sehr warm geworden war...

Die letzten dreihundert Höhenmeter legten wir dann wieder zu Fuß zurück und schließlich waren wir wieder am Auto. Zwei Stunden Sitzen, Essen und Entspannen sind dann wirklich wie im Flug vergangen, ehe wir uns für das nächste große Abenteuer vorbereiteten... To be continued!