Chamon' ice ! #2

Auf das Dach der Alpen

Meine Begleiter Kathi, Manu und Jo

Nach einer ausgiebigen Dusche auf dem Camingplatz "Les deux glaciers" haben wir einen Eintopf mit Reis gekocht, unsere Zelte aufgeschlagen und die Rucksäcke neu eingeräumt, um für die finale Tour der Skitourensaison 2016/17 optimal vorbereitet zu sein. Ich hatte dann noch kurzer Hand die Speicherkarten geleert und alle Akkus aufgeladen, bevor auch ich mich in meinen Schlafsack verzog.

Nach einem gemütlichen Frühstück erlebten wir eine kleine Einkaufs-Odysee in Chamonix. Was wir benötigten? - eine mittelgroße Gaskartusche zum Schrauben, Leukotape und was zum Essen. Letzteres bekamen wir problemlos, Tape war selbst in den Apotheken nicht in adäquater Qualität aufzutreiben und die mittleren Gaskartuschen waren ausverkauft. Da wir allerdings schon mehr Zeit als geplant verbraten hatten und nicht auf die Ladenöffnung der restlichen Sport-Geschäfte warten wollten, entschieden wir, dass eine kleine Kartusche (für stattliche 11€!!!) reichen muss. Fehler. Die reichte nicht...

Nächster Halt: Talstation der Montenvers-Bahn. Nein, nein, wir sind natürlich nicht mit der Bahn gefahren, schließlich war es unser Ziel das Dach der Alpen, den 4810 m hohen Mont Blanc, "by fair means" (sind Magnesium-Tabletten da eigentlich in Ordnung...?) über das Mer de Glace zu besteigen.

In der prallen Sonne wachsten wir die Ski nochmal, schnallten alles auf den Rucksack dran, was nicht hineinpasste und marschierten dann mit rund 25 - 30 kg Gepäck pro Person los. Da uns der Weg schnell in den Wald führte und ab und zu eine leichter Wind ging, waren die Temperaturen erträglich und wir gewannen rasch an Höhe. Dank guter Unterhaltung kamen uns die 2,5 h und 900 hm gar nicht so lang vor und ich hatte das Gefühl, dass an der Bergstation alle noch äußerst frisch waren. Gut so, denn wir waren noch lange nicht am Ziel...

Am Bahnhof der Zahnrad-Bahn herrschte reges Touristen-Treiben und wir, die ja eigentlich ebenfalls irgendwie Touristen waren, wurden zwischen all den Rentnern und Ausflüglern schnell zur Touristenattraktion. Absolutes Highlight zwischenmenschlicher Begegnungen war ein Mann an die 50, der uns fragte, wie oft wir denn pro Tag auf den Mont-Blanc hochgehen und wieder runter fahren. Jo konnte ihn überzeugen, dass drei bis fünf Mal gar kein Problem wären und spätestens als der Typ dann fragte, ob wir "Extreme skiing oder Slalom" machen würden, nahm die Konversation einen absurden Lauf... Allein diese Begegnung würde einen eigenen Blog-Eintrag füllen...

Im Hintergrund das Mer de Glace

Höchst amüsiert setzten wir unseren Weg fort, der wenige Meter nachdem wir die touristischen Anlagen verlassen hatten, bedeutend an Ernsthaftigkeit gewann. Die letzten zweihundert Höhenmeter zum Gletscher mussten wir über Eisenleitern, die im fast senkrechten Fels montiert waren, absteigen.

Da das Eis am Gletscher größtenteils noch mit Geröll bedeckt war legten wir ca. einen Kilometer auf dem Mer de Glace noch in Laufschuhen zurück, ehe wir eine Umziehpause einlegten und kurze gegen lange Hose tauschten, die Ski vom Rucksack nahmen und in die Skistiefel stiegen. Auf dem flachen Gletscher addierten sich daraufhin die Höhenmeter nur sehr spärlich, die Kilometer dagegen schnell.

Unterhalb des eindrucksvollen Gletscherbruchs "Séracs du Géant" querten wir nach Westen und erreichten die kleine Steinhütte auf 2516 m. Auf dem Refuge du Requin wurden wir von der Wirtin herzlich in Empfang genommen und bei absoluter Windstille kochten wir auf der Terrasse unsere Tütensuppe. Im Lager waren nur wenige Bergsteiger, die wie wir, ziemlich zeitig ins Bett gingen und am nächsten Morgen früh starteten.

Die letzten Meter zum Refuge du Requin

Vallée Blanche

Um 5:15 Uhr hatten wir bereits gefrühstückt, unsere sieben Sachen in den Rucksack geschmissen und die Skistiefel angezogen. Über eine harte, eisige Querung erreichten wir im Schein unserer Stirnlampen wieder den Gletscher und stiegen mit Harscheisen in vielen Spitzkehren neben den Riesenseracs auf. Als das Gelände wieder flacher wurde trennten sich dann unsere Wege: Manu und Jo wollten, bevor sie zum Refuge des Cosmiques aufstiegen, noch das Gervasutti-Couloir an der Tour Ronde (3795 m) befahren, während Kathi und ich diesen Abstecher ausließen und gleich morgens über das menschenleere Vallée Blanche aufstiegen und bereits um 10:00 Uhr die fast leere Hütte erreichten. Uns blieb also reichlich Zeit, um auf der kleinen Terasse die Aussicht zu genießen, reichlich Sonne zu tanken und einen Nachmittagsschlaf im Matratzenlager einzulegen.

Ungefähr um 16:30 kamen dann die anderen beiden, von der extremen Sonneneinstrahlung ziemlich erschöpft, ebenfalls an. Vor dem, übrigens stark rationierten, Abendessen gingen wir die Route für den folgenden Gipfeltag noch einmal gemeinsam durch und erstellten einen Zeitplan. Anschließend hat jeder noch einmal seine Ausrüstung überprüft und den Rucksack fertig gepackt, damit der Gipfeltag möglichst reibungslos von statten geht. Trotz großer Müdigkeit ist niemand sofort ins Bett gegangen, denn den Sonnenuntergang sollte sich dort oben wirklich niemand entgehen lassen. Einfach atemberaubend!

Dent du Géant
Blick aus dem Hüttenzimmer

Gipfeltag

Wer auf den Mont-Blanc möchte, sollte keine Probleme mit frühen Aufstehen haben. Der Wecker riss uns nach einer katastrophalen und extrem kurzen Nacht bereits um 2:45 Uhr aus dem Schlaf. In unserem 20 Betten Zimmer herrschte reges Treiben: Karabiner klimperten, Reißverschlüsse wurden auf und zu gezogen und das unverkennbare Rascheln von Gore-Tex Bekleidung läutete einen klassischen Hütten-Morgen ein. Nach einem schnellen Frühstück standen wir um 3:45 Uhr abfahrtsbereit vor der Hütte und fuhren über den harten Schnee des Hüttenhanges zum Col du Midi, wo wir die Felle und Harscheisen anlegten.

In gleichmäßigen Schritt folgten wir der Aufsstiegsspur durch ein Labyrinth aus Seracs und Gletscherspalten, während sich am Horizont langsam der Tag mit atemberaubenden Farben ankündigte. An der Schulter des Mont-Blanc du Tacul überholten wir dann die einzige Seilschaft, die vor uns unterwegs war und staunten nicht schlecht, als der Mont Maudit von der Sonne in ein zartes Rosa getaucht wurde. Wirklich wunderschön! Wieder einmal hatte sich das frühe Aufstehen bezahlt gemacht. An diesem Punkt hatten Kathi und ich übrigens, ganz ohne es zu bemerken, das erste Mal eine Seehöhe von 4000 m erreicht.

Rund siebzig Höhenmeter fuhren wir anschließend auf Fellen in das Col Maudit ab, wo wir einen kurzen Stopp einlegten, um uns mit Sonnencreme einzuschmieren und dann der Spur in die Nordostflanke des Mont Mondit folgten. Mittlerweile konnte man auch die anderen 20-25 Bergsteiger sehen, die nach uns gestartet waren. Auf knapp 4300 m folgte dann die Schlüsselstelle der gesamten Tour - eine steile, zum Teil blanke, Eisflanke musste mit Eisgeräten und Steigeisen überwunden werden. Wir waren die ersten vor Ort und seilten uns an. Jo stieg die Passage vor, parallel kletterte auch der von uns zuvor überholte Bergführer zu einem Felsen, von wo aus er seine Kunden nachsicherte. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man wirklich von einer Traumbegehung sprechen... Was jetzt folgte hat uns eindrücklich vor Augen geführt welchen Preis man für diese "Presitge-Berge" zahlt.

Der letzte in der Reihe der Bergsteiger, die geduldig warteten, war ein französischer Bergführer mit seinen zwei Kunden, der leider überhaupt keinen Respekt vor den anderen hatte und meinte, als Letzter an allen anderen vorbeiziehen zu müssen und dann mit voll ausgefahrenen 60m-Seil sich an Jo vorbeidrängeln zu müssen. Das sich die Seile dabei kreuzten und er unsere gesamte Seilschaft bei einem Sturz abgeräumt hätte, weil Jo noch keine Eisschraube gesetzt hatte, störte ihn dabei überhaupt nicht. Seinen völlig überforderten Kunden zog er dann wie ein Stier nach oben. Sein Gast verhakte sich dann noch mit seinen Ski an Jo, der zum Glück die Nerven behielt und nicht stürzte. Kollektives Kopfschütteln, Wut und Ärger machte sich unter den unten stehenden Gipfelaspiranten breit, ich fluchte und schrie dem Iditoen auf Französsich hinterher, was der Scheiß soll und bekam nur ein "Pas de problème!" zurück. "Einatmen! Ausatmen! Ruhig bleiben...", sagte ich mir selber und stieg mit Manu und Kathi nach.

Das Gelände wurde dann etwas leichter und am Col du Mont Maudit gönnten wir uns erstmal eine kleine Pause, sammelten unsere Kräfte und querten dann den pickelharten Westhang mit Steigeisen und Ski am Rücken. Nach zwei Gletscherspalten, über die wir kurz drüber springen mussten, folgten noch einmal wenige Meter leicht bergauf und dann ging es wieder hinab zum Colle dela Brenva, wo wir die Ski in der prallen Sonne wieder vom Rucksack nahmen. Kurze Zeit später wurde es dann allerdings wieder zu steil und der Schnee zu hart und wir mussten die Ski erneut schultern und die Eisgeräte auspacken. Langsam fing das ständige Rucksauf auf, Rucksack ab, Steigeisen drauf, Steigeisen weg, usw. gehörig an zu nerven und die Sonne machte uns ebenfalls zu schaffen.

Kathi in der letzten Pickelpassage. Im Hintergrund das Colle della Brenva und der Mont Maudit

Auf 4450 m legten wir dann noch eine kleine Pause ein und legten die Ski für die letzten 360 hm an. Aus meiner Sicht begann ab hier auch die Höhe eine immer größere Rolle zu spielen und die letzten 200 hm zum Gipfel waren dann ein regelrechter Willenskampf. Schritt für Schritt...

Manus letzte Meter zum Gipfel

Dann plötzlich, wenige Minuten nachdem Jo den Gipfel erreicht hatte, stand auch ich auf dem höchsten Punkt der Alpen, einer eigentlich recht langweiligen Schneekuppe, auf der zahlrreiche Bergsteiger ihre Gipfelselfies produzierten. Wenigstens war reichlich Platz zum Brotzeit machen und die Aussicht war bei diesem Kaiserwetter auch eine Pracht! Es war ein schönes Gefühl nach all den Strapazen endlich gemeinsam oben angekommen zu sein. Knapp eine Stunde verweilten wir, ehe uns das Kopfweh und die Erschöpfung zur Umkehr bewegten und unser Rückweg war auch nicht ganz ohne... "The summit is only half the mountain..."

Bis zum Colle della Brenva war die Abfahrt wirklich überhaupt nicht schön: Alles knüppelhart und windgepresst. Dazu stellenweise noch ziemlich steil... Und dann waren da ja noch die kleinen Abfahrten und Abstiege beim Hinweg, die sich jetzt natürlich zu nervigen Gegenanstiegen gewandelt hatten. Einmal mussten wir sogar das Seil anlegen, weil die Glestscherbrücken in der Sonne förmlich dahin geschmolzen waren. Auch am Col du Mont Maudit war beim Abseilen noch einmal höchste Konzentration gefragt. Das Gelände verzeiht einem auch nach 13 h keine Fehler. Egal ob man dehydriert und hungrig ist... Konzentration!

Wenigstens war der Nordosthang zum Col du Maudit mit gepacktem Powder voll und dementsprechend äußerst schön zu fahren. Skigenuss auf über 4000m.

Dann folgte der letzte, wirklich allerletzte Aufstieg des Tages zur Tacul-Schulter, von wo aus wir wieder die Cosmiques-Hütte sehen konnten. Die Abfahrt durch die Tacul-Flanke war dank vorhandener Spuren leicht zu finden und überglücklich erreichten wir das Col du Midi, wo wir eine großzügige Pause einlegten und dank Jo, der noch einmal schnell zur Hütte aufgestiegen war um Essen zu holen, unsere Energiereserven für die Abfahrt durchs Vallée Blanche zum Refuge du Requin auffüllen konnten.

Die Abfahrt zur Hütte war von Bruchharsch auf dem spaltenreichen Gletscher geprägt und an der Terrasse selbiger waren wir alle heilfroh, nach fast 16 h, diesen Vorposten der Zivilisation erreicht zu haben. Geschafft! Wir waren geschafft, müde und hungrig. Das Wirtspaar hat uns dann mit hervorragendem Essen versorgt und nach einer kleinen Spielrunde sind wir ins Bett gefallen. Hundemüde, aber glücklich...

Die letzte Etappe

Am Morgen haben wir bis 8:00 Uhr ausgeschlafen, wir hatten ja nicht mehr wirklich viel vor uns. Nach einem leckeren Frühstück sind wir von der Hütte am Seil über den Glescher abgefahren, weil die vergangen zwei, sehr warmen Tage auch hier die Schneebrücken bereits hat reißen lassen. Über die apere Gletscherzunge erreichten wir dann die Leitern, die uns wieder zur Bergstation der Montenvers-Bahn führten, von wo aus wir noch zwei Stunden durch den Wald abstiegen.
Dann war es wirklich geschafft. Also so richtig - Mont Blanc von Chamonix über das Mer de Glace und die drei Monts mit Ski "by fair means".

Ob ich das nochmal machen würde? Mit Sicherheit werde ich nicht nochmal über diese Route abfahren. 14 Mal haben wir ab der Cosmiques-Hütte bis zum Refuge du Requin umgebaut...

Und dann bleibt immer noch die Frage, ob man sein "Glück" nicht doch eher an weniger bekannten, weniger beliebten und viel einsameren Bergen findet... Wer weiß... Trotzdem war es eine extrem bereichernde Erfahrung mit einer großartige Seilschaft in einer extrem spannenden Umgebung, einer riesigen Spielwiese für Alpinisten. Chamonix, wir kommen sicher wieder!