Island #35 Strandtag

Auch am Morgen hatte sich das Wetter noch nicht wirklich gebessert. Die Luft war feucht und unsere Fensterscheiben sowohl von innen als auch von außen klatschnass. Im Nieselregen frühstückten wir wie jeden Morgen und amüsierten uns nebenbei über die Reaktionen anderer Touristen, als sie feststellten, dass man die 4 km zum Flugzeugwrack zu Fuß zurücklegen muss.

Nachdem wir unser Zeug trockengelegt und wieder im Auto verstaut hatten, fuhren wir nach Vík. Einerseits waren wir auf der Suche nach einem Campingplatz mit Waschmaschine und Trockenraum, weil unsere Wäschevorräte sich langsam dem Ende zuneigten, andererseits wollten wir in einem Café das schlechte Wetter abwarten, den Blog hochladen, Emails schreiben, etc. Zu guter Letzt galt es natürlich auch noch die Felsnadeln von Reynisdrangar zu fotografieren, was bei den aktuellen Bedingungen gar nicht so leicht war. Einen Campingplatz gab es in dem Ort nicht und auch die Suche nach einem Café war schwieriger als gedacht, weil alles voll bzw. mehr Restaurant als Café war.

Letztendlich sind wir zu dem natürlichen Felsentor Dyrhólaey gefahren, dass ich sowohl von oben, als auch vom Strand Kirkjufjara aus fotografierte. Es handelt sich hierbei um einen schwarzen Kiesel-Strand, der mit seiner Lage zwischen Basaltsäulen und dem peitschenden Ozean eine Reihe spannender Motive bietet. Ich fotografierte an der Wasserlinie und musste mehr als einmal das Stativ schnappen und zurück laufen, um trockene Füße zu behalten.

Nach einem Kaffee am Auto haben wir uns dann wieder nach Osten auf den Weg zum Reynisfjara Strand gemacht, von wo aus man die Felsnadeln und weitere Basaltsäulen gut sehen konnte. Da es jetzt ziemlich dunkel war und wir noch auf etwas Sonnenaufgangs-Stimmung hofften, kochten wir zunächst noch was zu Essen, bevor wir den Strand erkundeten.

Die Papageientaucher waren gerade damit beschäftigt, nahe der Küste zu fischen, hielten sich aber immer noch außerhalb der Reichweite meines 400mm-Objektivs auf, weshalb ich mich auf ein paar Landschaftsaufnahmen konzentrierte. Die erhoffte Färbung am Himmel kam jedoch gar nicht zum Vorschein, weil die Wolkendecke heute einfach zu dicht war.

Im Internet suchte ich dann nochmal nach einem Campingplatz in der Nähe und fand den Nächstgelegenen in Kirkjubaejarklaustur. Da es bereits wieder 8:00 Uhr war, hatte die Rezeption schon geöffnet und wir checkten ein. Empfehlenswert ist der Platz nicht wirklich. Der Preis ist mit 1300 Kronen pro Person und Nacht eigentlich in Ordnung, aber für das Duschen muss man ebenfalls 300 Kronen pro fünf Minuten hinblättern. Selbst kalt Duschen ist hier nicht umsonst. Auch die Waschmaschine kostet nochmals 650 Kronen. Außerdem sprach mich bereits zwei Minuten nachdem wir das Auto abgestellt hatten und Jakov zur Rezeption ging jemand an, dass wir noch nicht gezahlt hätten und dies schleunigst nachholen sollen.

Natürlich waren alle Maschinen belegt und wir mussten erstmal abwarten, bevor wir die Wäsche waschen konnten. Angesichts der Menge wusch Jakov sogar noch eine Ladung mit der Hand.

Island #34 Perfektes Licht

Nach dem "Frühstück" um 18:00 Uhr fuhren wir auf der Ringstraße zum Seljalandsfoss. Ich hatte mir bereits im Vorfeld überlegt, den Wasserfall von hinten mit der untergehenden Sonne zu fotografieren und so wartete ich geduldig im Auto ab, bis die Sonne hinter den Wolken zum Vorschein kam. Währenddessen kümmerte ich mich mal wieder um die Datensicherung der Fotos.

Als sich dann die Sonne endlich am Horizont zeigte packte ich, wie viele andere Fotografen auch, mein Equipment und positionierte mich hinter dem Wasserfall. Die Sonne schien herrlich warm durch den Wasserschleier auf den überhängenden Fels. Die Szenerie wirkte perfekt!

Ich wechselte ein paar Mal den Standplatz und suchte nach verschiedenen Blickwinkeln. Da ich mich nur wenige Meter hinter dem Wasserfall befand, war ich stetig damit beschäftigt, den Filter zu putzen. Außerdem musste man auf dem nassen und lehmigen Untergrund aufpassen, das man nicht ausrutscht bzw. das niemand sonst ins Straucheln gerät und einem die Kamera umreißt.

Als die Sonne am Horizont verschwand, packte ich klatschnass meinen Rucksack und zeigte Jakov die Ergebnisse des Shootings. Daraufhin sind wir dann auf der Hauptstraße am Skógafoss vorbei gefahren, weil das Wetter sich dafür nicht anbot. Es regnete. Stattdessen sind wir zum Flugzeugwrack der DC-3 der US Navy gefahren, das an der Südküste Islands am Strand liegt. Das 1973 abgestürzte Flugzeug erreichten wir nach 4km Fußmarsch. Die Straße war gesperrt, vermutlich hat auch hier der Tourismus zu stark zugenommen und man versucht, die Besucherzahlen durch diese "Hürde" etwas im Zaum zu halten.

Als wir ankamen nieselte es leider und der Himmel bot keinerlei Dramatik, sondern einen dunklen Einheiheitsbrei. Ich versuchte, das Flugzeug etwas mit dem Blitz auszuleuchten, musste aber ernüchtert feststellen, dass hier heute nicht viel zu holen war. Etwas enttäuscht verließen wir diesen gespenstischen Ort und liefen zurück zum Auto, wo wir uns eine Gemüse-Tajine kochten. Nachdem ich noch etwas am Blog weiter geschrieben hatte, legten wir uns im Auto schlafen, während es draußen immer noch beständig nieselte.

Island #33 Jung und dumm

Nach 16h Schlaf standen wir beide auf und aßen mehrere Schüsseln Müsli, um unsere geschundenen Energiereserven wieder aufzufüllen. Allerdings waren wir beide so fertig, dass wir danach nochmal vier Stunden schliefen, bevor wir nochmal etwas aßen, das Berge-Equipment aufräumten, das Kennzeichen fixierten (wollte ich sicherheitshalber schon die ganze Zeit machen...), den rechten Scheinwerfer festschraubten (hier hatte sich mit der Zeit eine Mutter gelockert) und unser Zeug trockneten.

Dann setzten wir die Fahrt, mit den Erlebnissen des vergangenen Tages, die wir bei weitem noch nicht verarbeitet hatten, nach Osten fort. Einmal mussten wir etwa 200m in einem Fluss fahren, der allerdings nicht tief war. Nach zahlreichen kleineren Bächen und Flüsschen kam dann die erste ernsthafte Furt durch einen Fluss, der sich in mehrere Zweige teilte. Wir warfen eine Münze um zu entscheiden, wer durch den Fluss waten musste. Jakov war an der Reihe und lief durch das Wasser, das ihm bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Als er zurückkam, tauchte hinter dem letzten Berg ein LKW mit Schafen auf. Wir beschlossen zu warten und uns anzusehen, wie er durch das Wasser fuhr. Der Truck überquerte den Fluss ohne Probleme und wir hatten ein gutes Gefühl, selbst ebenfalls durch das Wasser zu fahren.

Zur Sicherheit montierten wir noch eine vorbereitete Plastikplane als Schwallschutz vor dem Kühler und der Luftansaugung, wie wir es in dem Trainingscamp gelernt hatten. Jakov lotste mich vom Beifahrersitz sicher durch den Fluss und nach dem letzten Wasserarm demontierten wir die Plane wieder und fuhren am Álftavatn, der auch auf der bekannten Wanderroute "Laugavegur" liegt, vorbei. Da es regnete und der Himmel stark wolkenverhangen war, machte ich in der sonst so bezaubernden Gegend keine Bilder.

Kurz vor der Abzweigung der F261 wurde es dann nochmal spannend: Ein etwas schnellerer Fluss versperrte den Weg. Auf der anderen Seite wartete ein Landcruiser, machte jedoch keine Anstalten, durch den Fluss zu fahren. Dieses Mal war ich an der Reihe, lief in Unterhose durch den Fluss und suchte nach dem besten Weg. Der Untergrund war etwas sandig und ein paar tiefe Stellen galt es unbedingt zu vermeiden. Ich sprach mich am Ufer mit Jakov ab und wir stellten fest, dass das andere Auto bereits weitergefahren war. Bei diesem Fluss hätte ich allerdings gerne ein zweites Fahrzeug in der Nähe gehabt. Glücklicherweise kam der Wagen zurück und Jakov lief über die Fußgängerbrücke und bat die zwei Franzosen, kurz zu warten, woraufhin wir den Fluss ohne Komplikationen durchfuhren. Die Franzosen meinten, dass einige hundert Meter weiter ein weitaus größerer Fluss sei, den wir besser nicht alleine durchqueren sollten, was auch der Grund war, weshalb sie noch einmal zurück kamen. Gemeinsam fuhren wir hin und sahen uns die Sache an.

Der Gletscherfluss war schnell und offensichtlich reich an Sedimenten. Der Landcruiser mit Schnorchel legte vor, weil wir uns die Sache erstmal ansehen wollten. Das Wasser war deutlich tiefer als alles, was wir bisher durchfurtet hatten und mir war mulmig bei dem Gedanken, selbst hindurchzufahren. Jakov meinte, dass das Wasser nur für einen kurzen Moment so tief sei und es mit genug Schwung klappen sollte. Wir hatten ja einen Schwallschutz. Da die Franzosen es sichtlich eilig hatten, fühlte ich mich mit meiner Entscheidung unter Druck gesetzt und wägte leider nicht ordentlich ab, was ich danach stark bereute. Ich lies mich von Jakovs Optimismus überzeugen und wir fuhren ebenfalls hindurch. Das Wasser kam im zweiten Teil der Furt über die Motorhaube, als wir eine Stufe hinab fuhren und ich trat ordentlich aufs Gas, um schnellstmöglich wieder hoch zu kommen. Auf der anderen Seite war ich mehr als erleichtert.

Der ältere der beiden anderen zeigte uns sofort, was es zu kontrollieren galt, damit das Auto keinen Schaden nimmt. Er öffnete unseren Luftfilterkasten und kontrollierte, ob Wasser eingetreten ist. Es ist Wasser eingetreten. Allerdings gerade so viel, dass es nicht am Auslass hinaus kam. Der Motor hatte also kein Wasser gezogen! Das war gerade nochmal um Haaresbreite gut gegangen! Die Franzosen fuhren davon und ich konnte nicht fassen, was ich da gerade getan hatte. Ich war wirklich entsetzt, auf was für eine Schnaps-Idee ich mich da eingelassen hatte. Derart verärgert über meinen Leichtsinn, war ich während des Kochens ziemlich maulfaul und musste erstmal wieder zur Ruhe kommen.

Wir hatten uns in eine ähnliche Situation wie am Tag zuvor versetzt: Es gab für uns auch jetzt nur noch einen Weg nach vorne. Zwar hatten wir die beiden anderen vorher gefragt, wie die Furten auf dem Weg seien, trotzdem blieb bei mir die Anspannung erhalten. Immer noch verärgert über die Tatsache, dass wir fast das Auto versenkt hatten und ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört hatte, fuhren wir nach dem Abwasch in ungewohnter Dunkelheit weiter. Es stellte sich heraus, dass die einzige Furt auf dem Weg tatsächlich easy und die anderen Flüsse überbrückt waren und somit keine riskanten Aktionen mehr von Nöten waren.

In einem breiten Tal begleitete uns dann ein stark schwefliger Geruch, bevor wir in Fjótsdalur wieder Asphalt unter den Reifen hatten. Wir waren frei! Wir hatten das Hochland hinter uns gelassen! Mit dem Entschluss, als nächstes eine Schaufel zu kaufen, machten wir uns auf den Weg nach Selfoss. Den Abstecher zum Tindfjallajökull brachen wir nach wenigen Metern ab, als Jakov meinte, dass er sich für eine Gletschertour nicht fit genug fühle.

An einer Tankstelle mussten wir dann feststellen, dass die Kreditkarte fast leer war und wir erst Geld überweisen mussten. Tanken war somit erstmal nicht möglich, aber in Selfoss konnten wir tatsächlich eine Schaufel im "Byko", dem Baumarkt, ergattern, nachdem wir ca. eine Stunde auf Ladenöffnung um 8:00 Uhr gewartet hatten. Wunderbarerweise funktionierte hier die Kreditkarte. Die Suche nach einem Ladegerät war dann wiederum vollkommen vergebens, weil diese entweder ausverkauft oder gar nicht im Sortiment waren. (Wir haben es in vier Läden probiert). Nach einem Lebensmitteleinkauf, für den wir erstmal Geld wechseln mussten, parkten wir an der Ringstraße und legten uns ins Bett.

Island #32 Flucht nach vorne

Nach dem Frühstück fuhren wir die wenigen Kilometer zum Campingplatz in Landmannalaugar, der nach einem Parkplatz nur mit zwei Furten zu erreichen ist. Hier herrschte reger Betrieb: Wanderer kamen von den Bergen, Busse brachten Touristen und auf dem Zeltplatz reihte sich ein Zelt an das nächste. Im Hintergrund liefen Motoren und ein lautes Dieselaggregat. Wir liefen zum Informationshäuschen und erkundigten uns bezüglich der Mehrtageswanderung. Leider ist in der gesamten Region das Wildcampen verboten und man müsste in den Hütten oder auf ausgewiesenen Campingplätzen schlafen. Die Nacht kostet überall pro Person über 13 Euro, was uns den Spaß dann wirklich nicht wert war.

Wir entschieden, stattdessen lieber eine lange Tagestour zu unternehmen und packten unsere Rucksäcke mit dem Kamera-Equipment und etwas Essen, sowie dem kleinen Kocher für den Tee zwischendurch. In ordentlichem Tempo legten wir los, bis ich in der tiefstehenden Sonne die ersten Motive ausmachte. Die Berge in Landmannalaugar sind äußerst farbenreich und bieten viel Abwechslung.

An einigen Stellen dampft es außerdem noch ganz ordentlich aus dem Boden, sodass spannende Bilder möglich sind. Auf dem Brennisteinsalda, dem ersten Berg, den wir erklommen, hatte man einen guten Überblick über das Gebiet und ich fotografierte aus der Vogelperspektive die unterschiedlichen Bergrücken, die viele Linien und Kontraste boten. Dabei hatten wir ordentlich mit dem Wind zu kämpfen, der über den Berg blies und die ganze Zeit über hatte einer von uns beiden eine Hand am Stativ.

Beim Abstieg nach Westen wurde es dann wieder ruhiger und nach ein paar weiteren Foto-Stopps rasteten wir am Ausläufer des Berges. Die Unternehmung hatte, bedingt durch die vielen Fotos, die ich machte, bereits jetzt einiges an Zeit in Anspruch genommen und wir überlegten kurz, ob wir zum Auto abkürzen sollten. Letztendlich entschieden wir uns, doch durch eine Ebene mit vielen kleinen Flüssen weiterzugehen und die geplante Route fortzusetzen.

Bei einem Sprung über den Bach wurden meine Schuhe und die Hose ziemlich nass, weil ich mit dem schweren Kamerarucksack nicht weit genug sprang. Auf einem Bergrücken gewannen wir schnell wieder an Höhe und bogen schließlich auf ca. 780m nach Westen ab. In stetigem Tempo erreichten wir den, mit 1120 m, höchsten Punkt unserer Tour, stiegen auf der anderen Seite jedoch genauso schnell wieder ab. In einer Senke legten wir dann eine Pause ein, schmolzen etwas Schnee und aßen Nüsse und Rosinen mit ein paar Scheiben Brot.

Gut gestärkt folgten wir den Wegmarkierungen über ein paar Schneefelder fast eben bis zu einer heißen Quelle. Diese hatten wir bereits aus der Ferne wahrgenommen, da sie äußerst stark dampfte. Aus der Nähe wurde dann klar, welche Energie dahinterstecken musste. Man konnte es laut Zischen und Brodeln hören und ich kam mir vor, als stünde ich direkt neben einem Kraftwerk.

Nach einem kleinen Pass konnte man wieder den ersten Gipfel unserer Tour sehen und wir erhaschten einen Blick auf unsere bisherige, mittlerweile auch recht lange, Strecke. Es wurde wieder heller und wir machten noch zwei Fotosessions auf dem Weg zurück zum Auto.

Nach 27 km holten wir uns frische Klamotten und trockene Schuhe, um anschließend in die heiße Quelle am Zeltplatz zu springen. Obwohl es erst 6:00 Uhr war, waren wir nicht die einzigen, die das warme Wasser genossen. Allerdings handelt es sich bei der heißen Quelle um ein natürliches Wasserbecken mit großem Ablauf, das von zwei heißen Bächen (wahrscheinlich so um die 70 Grad Celsius) gespeist wird, weshalb das Wasser keine homogene Temperatur hat, sondern stetig mit den Händen vermischt werden will. Da hatten wir bereits angenehmere Hotpots erlebt... Trotzdem war ein heißes Bad genau das richtige nach der Wanderung und wir verweilten ziemlich lange im glasklaren Wasser. Eigentlich wollten wir danach noch die Duschen am Campingplatz nutzen, aber der Preis von 1000 Kronen (also ca. 7,40 €) war unseres Erachtens dann mehr als dreist.

Wir waren beide hungrig und wollten uns lediglich noch einen Ess- und Schlafplatz außerhalb des Nationalparks suchen und machten uns auf der F225 auf den Weg nach Westen, weil unser nächstes größeres Ziel der Tindafjallajökull war, den wir von der Südseite besteigen wollten.. Da sich nirgends ein etwas abgelegenes Plätzchen anbot und wir nicht auf einen der kostenpflichtigen Zeltplätze wollten, bogen wir in der Nähe von Landmannahellir nach Süden auf eine Nebenstraße ab. Wir hatten uns diese Strecke vorher auf der Karte ausgesucht und beschlossen, am nächsten angenehmen Örtchen unser Lager aufzuschlagen.

An der Abzweigung wies ein Schild darauf hin, dass die Straße nur für 4x4s geeignet ist und das Symbol lies erahnen, dass die Piste holprig sei. Wir fuhren die ersten Kilometer und stellten fest, dass der Weg tatsächlich stellenweise stark ausgewaschen war und tiefe Querrillen aufwies, was uns zwar dazu zwang, im Schritttempo zu fahren, aber für den Pajero keineswegs unüberwindbar war.

Nach einer Kuppe erreichten wir schließlich ein Schneefeld, das recht steil bergab führte. Wir hielten kurz an, legten die Sperre und Untersetzung ein und fuhren hinab. Die Schwerkraft half, nicht stecken zu bleiben und am Ende des Schnees mussten wir einen kleinen Bach durchqueren, der den Rampen- und Böschungswinkel des Fahrzeugs auf die Probe stellte. Als wir dieses Hindernis gemeistert hatten, wurde uns beiden klar, dass wir die Strecke gerade in eine Einbahnstraße verwandelt hatten, weil wir das steile Schneefeld niemals rauf kommen würden. Ups!

Nach ein paar Kilometern über einfaches Gelände gabelte sich der Weg. Die kürzere Verbindung zur nächsten F-Straße fiel für uns leider flach, weil ein steiles Schneefeld unpassierbar erschien. Wir wählten die längere Variante, die uns weiter westlich auf die F210 führen sollte. Der Weg führte in engen Kurven durch ein riesiges Lavafeld. Einige große Felsen forderten wieder meine volle Konzentration und eine geschickte Linienwahl.

An einer Ausweichstelle hielten wir an und machten eine Pause. Uns stand beiden die Anspannung ins Gesicht geschrieben, insbesondere Jakov war schon ziemlich müde und ich wollte unbedingt was essen. Übernachten kam für mich nicht in Frage, weil wir keinen Empfang hatten, das Wetter nicht stabil schien, wir nur in eine Richtung konnten und ich keine Lust hatte, hier bei schlechtem Wetter festzusitzen. Nach der Pause zeigte sich dann, dass diese Entscheidung nicht gerade schlecht war: Durch ein Tal, in dem der Weg nur schwer erkennbar war und lediglich das GPS-Gerät und eine alte Reifenspur als Anhaltspunkte dienten, hätte ich bei Nebel und 5m Sichtweite wirklich nicht fahren wollen.

Nur wenige Kilometer später kam dann, was kommen musste: Ein weiteres Schneefeld! Es stieg zwar nicht an, aber mein Optimismus war gebremst. Der erste Versuch endete nach ein paar Metern, ich konnte allerdings rückwärts raus fahren. Die nächsten Anläufe probierte ich es weiter rechts, wo das Schneefeld durch einen kleinen schneefreien Buckel unterteilt wurde. Wir hofften, hier etwas Schwung mitnehmen zu können. Der erste Teil ließ sich leicht überqueren, aber nach dem Buckel wurde es dann weich und wir hatten zu wenig Schwung. In mehreren Versuchen kamen wir immer ein Stück weiter und festigten somit eine Spur. Nach vier oder fünf Anläufen passierte dann das, was wir zwingend verhindern wollten. Wir steckten fest! Kein Lenkraddrehen, keine Ketten, kein Rückwärts-Fahren oder Anfahren im zweiten Gang konnte das Auto auch nur um einen einzigen Zentimeter bewegen. Wir saßen auf! Alle Räder drehten durch! Wir unternahmen ein paar zaghafte Versuche, flache Steine als Anfahrhilfe zu benutzen, was jedoch kläglich scheiterte. Es half gar nichts! Wir waren beide bereits über 20 Stunden wach, hatten eine lange Wanderung in den Beinen und wollten schlafen.

Für mich war es keine Option, an Ort und Stelle einfach ins Bett zu gehen, ich wollte hier weg und zwar so bald wie möglich. Ich entschied, die Räder freizulegen und jeden Reifen mit dem Wagenheber aufzubocken und dann mit Steinen zu unterfüttern. Da wir den Klappspaten zu Hause vergessen hatten, mussten wir mit den bloßen Händen und einem Brett bzw. einem flachen Stein graben.

Ich kam mir vor, wie ein Steinzeitmensch, der das Werkzeug noch nicht erfunden hatte. Zeit, sich über diesen Fehler zu ärgern, gab es allerdings keine. Das Graben war mühsam und anstrengend. Jakov wurde immer müder und wirkte vollkommen am Ende, ich hatte beim Anheben des dritten Rades das Gefühl, bald Spucken zu müssen, aber wir mussten weitermachen. Auch wenn er ein paar Mal betonte, dass er jetzt schlafen wolle und nicht mehr könne, half Jakov mir beim Holen von Steinen, mit denen wir einen Weg auslegten, auf dem wir herausfahren könnten.

Ich startete den Motor und fuhr vorsichtig an - die Steine hielten und das Auto bewegte sich vorwärts langsam aus dem Loch! Wir holten die Steine hinter dem Auto nach vorne und arbeiteten uns so Meter für Meter aus dem Schneefeld. Am Ende rutschte das Auto von den Steinen, aber dank Sperren und beherztem Fahren erreichten wir sicheren Boden. Wir luden unser restliches Zeug ins Auto und verstauten den Wagenheber. Als ich den Motor startete und weiterfuhr, schlief Jakov, sichtlich erschöpft, bereits auf dem Beifahrersitz ein.

Nach nur 100m traf mich schier der Schlag: Das nächste Schneefeld! Bergauf! Ich hatte keine allzu große Hoffnung es hier durch zu schaffen, ließ ordentlich Druck aus den Reifen, um eine größere Auflagefläche zu erreichen und versuchte es mal ganz langsam. Auf den ersten Metern wurde jedoch klar, dass das nichts brachte und die einzige Lösung Speed war. Wieder arbeitete ich mich Anlauf für Anlauf nach vorne, ganz vorsichtig, ohne Stecken zu bleiben. Nach sieben oder acht Mal war ich fast verwundert, dass es so gut funktionierte, blieb allerdings beim nächsten Versuch im weichen Schnee stecken. Jakov schaute nur ein, zwei Mal auf und schlief dann weiter, während ich ausstieg und nach einer Lösung suchte. Es gab leider keine Möglichkeit für einen Anker, an dem ich einen Flaschenzug hätte aufbauen können und somit blieb lediglich die gleiche Taktik, mit der wir vor wenigen Minuten vier Stunden lang das Auto befreiten. Ich gab noch ca. zwei Stunden lang mein bestes, bevor ich beschloss, eine Pause einzulegen und auf dem Fahrersitz einschlief.

Plötzlich schreckte ich im Sitz hoch! Ein Auto! Neben uns stand ein hochgelegter und verbreiterter Nissan Patrol, aus dessen Fenster sich ein Mann beugte und fragte, ob er uns helfen könne. Natürlich konnte er! Ich erklärte ihm kurz, dass der Rückweg für uns abgeschnitten sei und fragte, ob es noch weitere Schneefelder vor uns geben würde. Er meinte, dass wir noch öfters Schnee begegnen würden, er uns allerdings herausziehen könne und uns bis zur nächsten großen Straße begleiten würde. Wir waren also gerettet! Der Fahrer lies erstmal Luft aus seinen breiten Reifen und zog uns dann an unserem Bergegurt aus dem Schnee. Wir demontierten den Gurt auf festem Untergrund und folgten ihm. Das nächste Stück Schnee war nicht weit, aber er konnte uns auch hier wieder hindurch ziehen.

In einem äußerst weichen Schneefeld blieb er dann fast selber stecken, allerdings schien er zu wissen, was er da machte und befreite sich souverän selbst. Er kam zu uns und meinte dann: "The snow is quiet soft, so give it your best shot, men! Try it with speed!". Ich nahm mächtig Anlauf und fuhr mit ca. 70 km/h in das Schneefeld und anstatt stecken zu bleiben, konnten wir dieses Mal sogar selbstständig durch den Schnee fahren, was uns, im Gegensatz zu allen anderen kläglichen Versuchen, keine mitleidigen Blicke, sondern Applaus bei den weiblichen Beifahrern des Super-Jeeps einbrachte. Das war das letzte Mal, dass wir mit Schnee in Kontakt kamen und wir fuhren durch die wüstenartige Landschaft zur F210, verabschiedeten uns dankbar bei unserem Retter und bogen links ab.

Ein paar Tage später erfuhren wir dann, dass Hawk der Eigentümer einer Tour-Company in Island, ausgebildeter 4x4-Trainer und Mitglied der Search and Resuce-Mannschaften in Island ist und ganz nebenbei noch den "Photo Guide to Iceland" mitgeschrieben hat, den ich auf unserer Reise so zu schätzen gelernt hatte. Hätte ich das gewusst, hätte ich ihm neben der Befreiungsaktion gerne auch dafür gedankt.

Außerdem haben wir erst später realisiert, dass wir in der Nähe von einem der aktivsten und überfälligen Vulkane Islands, der "Hekla" stecken geblieben sind. Mit einer Vorwarnzeit von weniger als einer Stunde und aufgrund der Tatsache, dass wir die entscheidende SMS wegen des schlechten Netzes nicht sicher bekommen hätten, wäre ein Ausbruch für uns fatal gewesen. Es mag jetzt übertrieben klingen, aber diese Bedrohung ist nicht bei den Haaren herbeigezogen, sondern äußerst real und ernst zu nehmen. Gott sei Dank sind wir davon verschont geblieben.

Nach ein paar Kilometern, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, konnten wir dann endlich an einer kleinen Straße nach über 27 h ohne Schlaf (zumindest für mich) ins Bett gehen.

Island #31 Menschenmassen

Als wir aufwachten, herrschte auf der Ringstraße bereits reger Verkehr und wir nahmen unser Müsli unter ungewohnt hohem Lautstärkepegel ein. In Selfoss konnte man uns dann in der Touri-Info wieder einmal nicht weiterhelfen, was die Besteigung des Ejafjallajökull (dem Vulkan, der 2010 nach seinem Ausbruch weltweite Berühmtheit erlangte) betraf. Wir wurden lediglich an eine Hütte bzw. Café in der Nähe der Ringstraße verwiesen, von wo aus mehrere Veranstalter Gletschertouren anbieten.

Nach einem Großeinkauf, der fast die Kapazitäten des Autos sprengte, fuhren wir dort hin. Den Seljalandsfoss ließen wir auf dem Weg links liegen, weil das Licht nicht passte und am Skógafoss traf uns schier der Schlag angesichts der Masse an Menschen, die sich dort tummelte. Das war die erste Attraktion, die wir zu normalen Zeiten besuchten und zeigte uns eindrücklich, wie wunderbar unsere bisherige Taktik doch aufging. Wir verließen diesen Ort ohne, bis auf ein Beweisbild, ein einziges Foto zu machen und entflohen der Menge.

Am Parkplatz der Gletscherzunge Sólheimajökull bot sich dann ein ähnliches Bild: Ein, für isländische Verhältnisse, riesiger Parkplatz unterhalb des Gletschers war der Ausgangspunkt für zahlreiche geführte Touren aller einschlägigen Anbieter. Wir fragten zwei Guides nach den Bedingungen am Berg, woraufhin wir erfuhren, dass eine Besteigung des Berges aufgrund der aktuellen Spalten- und Schneelage nahezu unmöglich sei und sie mit den Touristen lediglich auf der aperen Gletscherzunge ihre Runden drehten. Ein kleiner Gletscher weiter nördlich sollte jedoch noch eine nette Tour parat halten, die wir uns auf die To-Do-Liste setzten.

Wir beschlossen, als nächstes ins Hochland aufzubrechen und den bekannten Ort Landmannalaugar zu besuchen. Die Straße F208 beinhaltet laut unserer Karte fünf markierte Furten und somit reichlich Abenteuer. Den Axlarfoss konnten wir auf der Hinfahrt nicht besuchen, weil die Straße zu ihm noch geschlossen ist.

An der ersten Furt machten wir noch einen Abstecher zur Schlucht Eldgjá, die Teil des Vulkansystems der Katla ist und mit einer Breite von bis zu 600m und einer Tiefe von 150m durchaus beeindruckend ist. Ein Wasserfall bot ein gutes Motiv und wir stiegen über einen markierten Weg zum Fluss ab, wo ich in das eiskalte Wasser watete, um den besten Blickwinkel zu erwischen.

Im Auto wärmte ich die Füße dann erstmal wieder ordentlich auf, um schließlich auf dem selben Weg wieder zur F208 zu fahren, die uns über etliche Furten, die wir zum Teil vorher durchwateten, nach Landmannalaugar führte.

Mir war nicht klar, dass es sich hierbei ebenfalls um eine der größten Attraktionen Islands handelte und der Campingplatz deshalb gut gefüllt war. Wir schliefen etwas außerhalb im Auto, es war immerhin schon 3:00 Uhr. Da wir am nächsten Tag eine Mehrtagestour durch das Gebiet unternehmen wollten, aßen wir noch eine ordentliche Portion Bratkartoffeln.

Kurz bevor ich schlafen ging, konnte ich dann noch die Berge im Licht der aufgehenden Sonne fotografieren.