Pizzo Tresero und das Sturmtief Herwart

Eine Durchquerung/Umrundung/=saulange Tour, über die zumindest wir im Internet nur spärlich Informationen gefunden hatten - In der südlichen Ortlergruppe ragt über dem Forni-Tal eine Bergkette mit rund 14 Gipfeln auf, die alle zwischen 3300 und 3800 Meter hoch sind. Laut Satellitenbild und GPS-Daten ergibt sich am Ende eine Gratlänge von über 18 km! Also ein echter Hammer!

Da wir keine genauen Informationen zur Schwierigkeit des Geländes und der aktuell vorherrschenden Schneelage hatten, mussten wir am Ende diese von uns vollkommen unterschätzte Unternehmung abbrechen... Wirklich schlimm war das allerdings nicht, denn auch mit nur drei der 14 Gipfel hatten wir einige spannende Meter und Erlebnisse sammeln können.

Nach der doch recht langen Anfahrt von Kufstein nach Bormio war es zunächst einmal Zeit für ein Frühstück mit feinen Gebäckstücken eines kleinen Cafés, ehe wir uns Richtung Gavia-Pass aufmachten. Dieser war, wie zuvor bereits ergooglet, geschlossen und eine fette Schranke verhinderte, dass wir unseren Zustieg erheblich verkürzen konnten. In einer Kehre auf gut 2000m Seehöhe, würfelten wir schließlich unsere Ausrüstung zusammen, teilten alles auf vier Rucksäcke auf und starteten bei leichtem Regen. Mit von der Partie waren nicht nur Kathi und ich, sondern auch unsere Allgäuer Freundin Anja und Petra. Zur Abwechslung mal eine weiblich dominierte Truppe!

Während die dichten Wolken schnell über die umliegenden Berge zogen, legten wir zügig die Strecke zum Valle Dosegu zurück. Kurz nach dem Taleingang überquerten wir eine Brücke und auf einer kleinen Anhöhe wurde uns nicht nur der Blick auf den wolkenverhangen Gletscherbruch freigegeben, sondern wir machten auch sogleich Bekanntschaft mit dem Sturmtief, das wie wir später erfuhren vor allem in Norddeutschland für verheerende Schäden gesorgt hat. Nicht nur einmal brachten uns die Sturmböen ins Taumeln und sogar die, sonst von der Witterung so unbeeindruckten, Steinmännchen wurden umgeweht. Der Umstand, dass unsere Bleibe für die Nacht auf rund 3400m lag, brachte uns stark ins Grübeln und bald kam der Gedanke auf einfach umzukehren. Wenigstens hatten wir noch genügend zeitliche Reserven um bei Tageslicht die Biwakschachtel zu erreichen bzw. im Falle eines Falles wieder umdrehen zu können und somit beschlossen wir den Weg doch fortzusetzen.

Der Wind ließ ein wenig nach, als wir eine langgezogene, schneeverwehte Ebene  überquerten und schließlich auch für einen kurzen Augenblick die Biwakschachtel am Grat erspähen konnten. Weiter als gedacht... Die Flanke, die uns noch vom Biwak trennte war vor allem eines - bröselig! Im losen Gestein hatten wir Mühe voranzukommen, ohne all zuviel Steinschlag auszulösen und uns gegenseitig in Gefahr zu bringen. Die gelegentlichen Windhosen trugen sowieso schon genug Geröll durch die Luft und im Nachhinein erscheint es mir schon ein wenig verwunderlich, dass wir außer einer verloren gegangen Sonnenbrille keine weiteren Verluste zu vermelden hatten. 

Nun waren es wirklich nur noch 20 Meter am Grat, die wir zu bewältigen hatten. Auf beiden Seiten steil abfallend, wirkte dieser bedrohlich. Wir kauerten uns an den Fels und warteten bis der Wind kurz nachließ und dann sprinteten wir, so schnell es unsere großen Rucksäcke eben zuließen zur Biwakschachtel. Allzeit bereit sich wieder auf den Boden zu werfen, um nicht mit der nächsten Sturmböe in der dunklen Bergflanke zu verschwinden.

Geschafft! - zu viert standen wir in der engen Biwakschachtel, der Wind pfiff um die Ecken und manche Betten waren ein wenig eingeschneit, da die Tür nicht sauber abschloss. Nachdem wir uns alle der Reihe nach umgezogen hatten (es war halt ein wenig eng...), erlebten wir beim Kochen gleich die nächste Überraschung: Anjas Kocher funktionierte nicht und wir waren sehr froh, einen zweiten dabei zu haben. Etwas weniger zügig, schmolzen wir also Schnee für Tee und Trek n Eat, während draußen langsam die Sonne unterging. Für wenige Sekunden brannte dann förmlich der Himmel vor der schweren Eisentür und dann zog der Vorhang aus schwarzen Wolken wieder zu - Ende der Vorstellung. 

Nach einer, für den einen mehr, für den anderen minder, angenehmen Nacht, wagten wir es kaum vor die Tür zu treten. Den Geräuschen nach zu urteilen, blies nämlich immer noch ein starker Wind. Wenigstens hatte es aufgeklart und der Tag startete mit einem nahezu wolkenlosen Himmel. Frühstück und raus!

Es dauerte nicht wirklich lange, bis der Berg mal wieder Zähne zeigte und eine ziemlich steile, plattige Passage auf einen Felszack in Kombination mit dem losen Schnee nach "Seil und sichern" schrie. Ein Normalhaken und zwei Bolts, machten uns klar, dass wir hier nicht die ersten waren, die lieber zum Strick griffen. Es sollte jedoch das erste und letzte Mal bleiben, dass wir am Grat sichern mussten. Der Weg zum Gipfel war unschwierig.

"Ach du sch...e!!!" entfuhr es mir, als ich vom Gipfel des Pizzo Tresero auf unseren geplanten Weiterweg blickte. Es dauerte nämlich eine ganze Weile, bis ich immer dem Grat folgend, die Königspitze (geplantes Ende unserer Tour) mit den Augen ausmachen konnte - die Tour wirkte gigantisch. Absurd. Irre lang und keinesfalls bei unserem Tempo zu schaffen! Da hat uns das Guidebook mal sauber in die Irre geführt...

Wir folgten dem Grat trotzdem und bestiegen zwei der Gipfel in leichter, aber durchaus ausgesetzter Kletterei, ehe wir uns dafür entschieden, über den Gletscher wieder zum Auto abzusteigen. Das Gelände wirkte einfach zu schwierig, um in angemessenem Tempo den nächsten Biwak zu erreichen. Außerdem waren alle anderen Abstiegsoptionen weitaus spaltenreicher und unübersichtlicher.

Angeseilt stapften wir schließlich über den bereits eingeschneiten Gletscher zu einer großen Spaltenzone, die wir wie ein Labyrinth durchquerten, wobei einige Eisschrauben dafür sorgten, dass wir einem Seilschaftssturz im steilen Gelände entkommen würden. Das letzte große Fragezeichen des Abstieges (eine von oben äußerst steil wirkende Blankeispassage) konnten wir sicher umgehen und schließlich hatten wir wieder festen Fels unter den Sohlen. Steigeisen weg und ab die Post! Ungefähr eine Stunde nach Sonnenuntergang trudelten wir im Schein der Stirnlampen wieder am Auto ein. Eines ist sicher - das probieren wir nochmal! Bei besseren Verhältnissen ;)