Chamon' ice ! #2

Auf das Dach der Alpen

Meine Begleiter Kathi, Manu und Jo

Nach einer ausgiebigen Dusche auf dem Camingplatz "Les deux glaciers" haben wir einen Eintopf mit Reis gekocht, unsere Zelte aufgeschlagen und die Rucksäcke neu eingeräumt, um für die finale Tour der Skitourensaison 2016/17 optimal vorbereitet zu sein. Ich hatte dann noch kurzer Hand die Speicherkarten geleert und alle Akkus aufgeladen, bevor auch ich mich in meinen Schlafsack verzog.

Nach einem gemütlichen Frühstück erlebten wir eine kleine Einkaufs-Odysee in Chamonix. Was wir benötigten? - eine mittelgroße Gaskartusche zum Schrauben, Leukotape und was zum Essen. Letzteres bekamen wir problemlos, Tape war selbst in den Apotheken nicht in adäquater Qualität aufzutreiben und die mittleren Gaskartuschen waren ausverkauft. Da wir allerdings schon mehr Zeit als geplant verbraten hatten und nicht auf die Ladenöffnung der restlichen Sport-Geschäfte warten wollten, entschieden wir, dass eine kleine Kartusche (für stattliche 11€!!!) reichen muss. Fehler. Die reichte nicht...

Nächster Halt: Talstation der Montenvers-Bahn. Nein, nein, wir sind natürlich nicht mit der Bahn gefahren, schließlich war es unser Ziel das Dach der Alpen, den 4810 m hohen Mont Blanc, "by fair means" (sind Magnesium-Tabletten da eigentlich in Ordnung...?) über das Mer de Glace zu besteigen.

In der prallen Sonne wachsten wir die Ski nochmal, schnallten alles auf den Rucksack dran, was nicht hineinpasste und marschierten dann mit rund 25 - 30 kg Gepäck pro Person los. Da uns der Weg schnell in den Wald führte und ab und zu eine leichter Wind ging, waren die Temperaturen erträglich und wir gewannen rasch an Höhe. Dank guter Unterhaltung kamen uns die 2,5 h und 900 hm gar nicht so lang vor und ich hatte das Gefühl, dass an der Bergstation alle noch äußerst frisch waren. Gut so, denn wir waren noch lange nicht am Ziel...

Am Bahnhof der Zahnrad-Bahn herrschte reges Touristen-Treiben und wir, die ja eigentlich ebenfalls irgendwie Touristen waren, wurden zwischen all den Rentnern und Ausflüglern schnell zur Touristenattraktion. Absolutes Highlight zwischenmenschlicher Begegnungen war ein Mann an die 50, der uns fragte, wie oft wir denn pro Tag auf den Mont-Blanc hochgehen und wieder runter fahren. Jo konnte ihn überzeugen, dass drei bis fünf Mal gar kein Problem wären und spätestens als der Typ dann fragte, ob wir "Extreme skiing oder Slalom" machen würden, nahm die Konversation einen absurden Lauf... Allein diese Begegnung würde einen eigenen Blog-Eintrag füllen...

Im Hintergrund das Mer de Glace

Höchst amüsiert setzten wir unseren Weg fort, der wenige Meter nachdem wir die touristischen Anlagen verlassen hatten, bedeutend an Ernsthaftigkeit gewann. Die letzten zweihundert Höhenmeter zum Gletscher mussten wir über Eisenleitern, die im fast senkrechten Fels montiert waren, absteigen.

Da das Eis am Gletscher größtenteils noch mit Geröll bedeckt war legten wir ca. einen Kilometer auf dem Mer de Glace noch in Laufschuhen zurück, ehe wir eine Umziehpause einlegten und kurze gegen lange Hose tauschten, die Ski vom Rucksack nahmen und in die Skistiefel stiegen. Auf dem flachen Gletscher addierten sich daraufhin die Höhenmeter nur sehr spärlich, die Kilometer dagegen schnell.

Unterhalb des eindrucksvollen Gletscherbruchs "Séracs du Géant" querten wir nach Westen und erreichten die kleine Steinhütte auf 2516 m. Auf dem Refuge du Requin wurden wir von der Wirtin herzlich in Empfang genommen und bei absoluter Windstille kochten wir auf der Terrasse unsere Tütensuppe. Im Lager waren nur wenige Bergsteiger, die wie wir, ziemlich zeitig ins Bett gingen und am nächsten Morgen früh starteten.

Die letzten Meter zum Refuge du Requin

Vallée Blanche

Um 5:15 Uhr hatten wir bereits gefrühstückt, unsere sieben Sachen in den Rucksack geschmissen und die Skistiefel angezogen. Über eine harte, eisige Querung erreichten wir im Schein unserer Stirnlampen wieder den Gletscher und stiegen mit Harscheisen in vielen Spitzkehren neben den Riesenseracs auf. Als das Gelände wieder flacher wurde trennten sich dann unsere Wege: Manu und Jo wollten, bevor sie zum Refuge des Cosmiques aufstiegen, noch das Gervasutti-Couloir an der Tour Ronde (3795 m) befahren, während Kathi und ich diesen Abstecher ausließen und gleich morgens über das menschenleere Vallée Blanche aufstiegen und bereits um 10:00 Uhr die fast leere Hütte erreichten. Uns blieb also reichlich Zeit, um auf der kleinen Terasse die Aussicht zu genießen, reichlich Sonne zu tanken und einen Nachmittagsschlaf im Matratzenlager einzulegen.

Ungefähr um 16:30 kamen dann die anderen beiden, von der extremen Sonneneinstrahlung ziemlich erschöpft, ebenfalls an. Vor dem, übrigens stark rationierten, Abendessen gingen wir die Route für den folgenden Gipfeltag noch einmal gemeinsam durch und erstellten einen Zeitplan. Anschließend hat jeder noch einmal seine Ausrüstung überprüft und den Rucksack fertig gepackt, damit der Gipfeltag möglichst reibungslos von statten geht. Trotz großer Müdigkeit ist niemand sofort ins Bett gegangen, denn den Sonnenuntergang sollte sich dort oben wirklich niemand entgehen lassen. Einfach atemberaubend!

Dent du Géant
Blick aus dem Hüttenzimmer

Gipfeltag

Wer auf den Mont-Blanc möchte, sollte keine Probleme mit frühen Aufstehen haben. Der Wecker riss uns nach einer katastrophalen und extrem kurzen Nacht bereits um 2:45 Uhr aus dem Schlaf. In unserem 20 Betten Zimmer herrschte reges Treiben: Karabiner klimperten, Reißverschlüsse wurden auf und zu gezogen und das unverkennbare Rascheln von Gore-Tex Bekleidung läutete einen klassischen Hütten-Morgen ein. Nach einem schnellen Frühstück standen wir um 3:45 Uhr abfahrtsbereit vor der Hütte und fuhren über den harten Schnee des Hüttenhanges zum Col du Midi, wo wir die Felle und Harscheisen anlegten.

In gleichmäßigen Schritt folgten wir der Aufsstiegsspur durch ein Labyrinth aus Seracs und Gletscherspalten, während sich am Horizont langsam der Tag mit atemberaubenden Farben ankündigte. An der Schulter des Mont-Blanc du Tacul überholten wir dann die einzige Seilschaft, die vor uns unterwegs war und staunten nicht schlecht, als der Mont Maudit von der Sonne in ein zartes Rosa getaucht wurde. Wirklich wunderschön! Wieder einmal hatte sich das frühe Aufstehen bezahlt gemacht. An diesem Punkt hatten Kathi und ich übrigens, ganz ohne es zu bemerken, das erste Mal eine Seehöhe von 4000 m erreicht.

Rund siebzig Höhenmeter fuhren wir anschließend auf Fellen in das Col Maudit ab, wo wir einen kurzen Stopp einlegten, um uns mit Sonnencreme einzuschmieren und dann der Spur in die Nordostflanke des Mont Mondit folgten. Mittlerweile konnte man auch die anderen 20-25 Bergsteiger sehen, die nach uns gestartet waren. Auf knapp 4300 m folgte dann die Schlüsselstelle der gesamten Tour - eine steile, zum Teil blanke, Eisflanke musste mit Eisgeräten und Steigeisen überwunden werden. Wir waren die ersten vor Ort und seilten uns an. Jo stieg die Passage vor, parallel kletterte auch der von uns zuvor überholte Bergführer zu einem Felsen, von wo aus er seine Kunden nachsicherte. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man wirklich von einer Traumbegehung sprechen... Was jetzt folgte hat uns eindrücklich vor Augen geführt welchen Preis man für diese "Presitge-Berge" zahlt.

Der letzte in der Reihe der Bergsteiger, die geduldig warteten, war ein französischer Bergführer mit seinen zwei Kunden, der leider überhaupt keinen Respekt vor den anderen hatte und meinte, als Letzter an allen anderen vorbeiziehen zu müssen und dann mit voll ausgefahrenen 60m-Seil sich an Jo vorbeidrängeln zu müssen. Das sich die Seile dabei kreuzten und er unsere gesamte Seilschaft bei einem Sturz abgeräumt hätte, weil Jo noch keine Eisschraube gesetzt hatte, störte ihn dabei überhaupt nicht. Seinen völlig überforderten Kunden zog er dann wie ein Stier nach oben. Sein Gast verhakte sich dann noch mit seinen Ski an Jo, der zum Glück die Nerven behielt und nicht stürzte. Kollektives Kopfschütteln, Wut und Ärger machte sich unter den unten stehenden Gipfelaspiranten breit, ich fluchte und schrie dem Iditoen auf Französsich hinterher, was der Scheiß soll und bekam nur ein "Pas de problème!" zurück. "Einatmen! Ausatmen! Ruhig bleiben...", sagte ich mir selber und stieg mit Manu und Kathi nach.

Das Gelände wurde dann etwas leichter und am Col du Mont Maudit gönnten wir uns erstmal eine kleine Pause, sammelten unsere Kräfte und querten dann den pickelharten Westhang mit Steigeisen und Ski am Rücken. Nach zwei Gletscherspalten, über die wir kurz drüber springen mussten, folgten noch einmal wenige Meter leicht bergauf und dann ging es wieder hinab zum Colle dela Brenva, wo wir die Ski in der prallen Sonne wieder vom Rucksack nahmen. Kurze Zeit später wurde es dann allerdings wieder zu steil und der Schnee zu hart und wir mussten die Ski erneut schultern und die Eisgeräte auspacken. Langsam fing das ständige Rucksauf auf, Rucksack ab, Steigeisen drauf, Steigeisen weg, usw. gehörig an zu nerven und die Sonne machte uns ebenfalls zu schaffen.

Kathi in der letzten Pickelpassage. Im Hintergrund das Colle della Brenva und der Mont Maudit

Auf 4450 m legten wir dann noch eine kleine Pause ein und legten die Ski für die letzten 360 hm an. Aus meiner Sicht begann ab hier auch die Höhe eine immer größere Rolle zu spielen und die letzten 200 hm zum Gipfel waren dann ein regelrechter Willenskampf. Schritt für Schritt...

Manus letzte Meter zum Gipfel

Dann plötzlich, wenige Minuten nachdem Jo den Gipfel erreicht hatte, stand auch ich auf dem höchsten Punkt der Alpen, einer eigentlich recht langweiligen Schneekuppe, auf der zahlrreiche Bergsteiger ihre Gipfelselfies produzierten. Wenigstens war reichlich Platz zum Brotzeit machen und die Aussicht war bei diesem Kaiserwetter auch eine Pracht! Es war ein schönes Gefühl nach all den Strapazen endlich gemeinsam oben angekommen zu sein. Knapp eine Stunde verweilten wir, ehe uns das Kopfweh und die Erschöpfung zur Umkehr bewegten und unser Rückweg war auch nicht ganz ohne... "The summit is only half the mountain..."

Bis zum Colle della Brenva war die Abfahrt wirklich überhaupt nicht schön: Alles knüppelhart und windgepresst. Dazu stellenweise noch ziemlich steil... Und dann waren da ja noch die kleinen Abfahrten und Abstiege beim Hinweg, die sich jetzt natürlich zu nervigen Gegenanstiegen gewandelt hatten. Einmal mussten wir sogar das Seil anlegen, weil die Glestscherbrücken in der Sonne förmlich dahin geschmolzen waren. Auch am Col du Mont Maudit war beim Abseilen noch einmal höchste Konzentration gefragt. Das Gelände verzeiht einem auch nach 13 h keine Fehler. Egal ob man dehydriert und hungrig ist... Konzentration!

Wenigstens war der Nordosthang zum Col du Maudit mit gepacktem Powder voll und dementsprechend äußerst schön zu fahren. Skigenuss auf über 4000m.

Dann folgte der letzte, wirklich allerletzte Aufstieg des Tages zur Tacul-Schulter, von wo aus wir wieder die Cosmiques-Hütte sehen konnten. Die Abfahrt durch die Tacul-Flanke war dank vorhandener Spuren leicht zu finden und überglücklich erreichten wir das Col du Midi, wo wir eine großzügige Pause einlegten und dank Jo, der noch einmal schnell zur Hütte aufgestiegen war um Essen zu holen, unsere Energiereserven für die Abfahrt durchs Vallée Blanche zum Refuge du Requin auffüllen konnten.

Die Abfahrt zur Hütte war von Bruchharsch auf dem spaltenreichen Gletscher geprägt und an der Terrasse selbiger waren wir alle heilfroh, nach fast 16 h, diesen Vorposten der Zivilisation erreicht zu haben. Geschafft! Wir waren geschafft, müde und hungrig. Das Wirtspaar hat uns dann mit hervorragendem Essen versorgt und nach einer kleinen Spielrunde sind wir ins Bett gefallen. Hundemüde, aber glücklich...

Die letzte Etappe

Am Morgen haben wir bis 8:00 Uhr ausgeschlafen, wir hatten ja nicht mehr wirklich viel vor uns. Nach einem leckeren Frühstück sind wir von der Hütte am Seil über den Glescher abgefahren, weil die vergangen zwei, sehr warmen Tage auch hier die Schneebrücken bereits hat reißen lassen. Über die apere Gletscherzunge erreichten wir dann die Leitern, die uns wieder zur Bergstation der Montenvers-Bahn führten, von wo aus wir noch zwei Stunden durch den Wald abstiegen.
Dann war es wirklich geschafft. Also so richtig - Mont Blanc von Chamonix über das Mer de Glace und die drei Monts mit Ski "by fair means".

Ob ich das nochmal machen würde? Mit Sicherheit werde ich nicht nochmal über diese Route abfahren. 14 Mal haben wir ab der Cosmiques-Hütte bis zum Refuge du Requin umgebaut...

Und dann bleibt immer noch die Frage, ob man sein "Glück" nicht doch eher an weniger bekannten, weniger beliebten und viel einsameren Bergen findet... Wer weiß... Trotzdem war es eine extrem bereichernde Erfahrung mit einer großartige Seilschaft in einer extrem spannenden Umgebung, einer riesigen Spielwiese für Alpinisten. Chamonix, wir kommen sicher wieder!

Chamon' ice ! #1

Das erste Mal in Chamonix

Chamonix. Alle reden immer von diesem Chamonix, schwärmen von krassen Granit-Graten, verdammt steilen Couloirs und diesem Mont Blanc, der mit 4810m der höchste Berg der Alpen ist. Schaut man dann bei den bekannten Größen des Alpinsports in die Facebook-Feeds wird einem schnell klar - da muss man hin! Jo, Manu, Kathi und mir ging es da nicht anders...

Bereits im März hatten wir diesen Trip für Mitte Mai eingeplant und gehofft, dass das Wetter uns in die Hände spielen würde und wir im Mekka des Steep skiing nicht nur die ein oder andere coole Line fahren, sondern auch das Dach der Alpen mit Ski, bzw. Splitboard erreichen.

Am 10. Mai war es dann endlich soweit: Nach einem Großeinkauf, der vermutlich einen afrikanischen Stamm für Monate versorgt hätte, brachen wir gen Westen auf. Leider bescherte uns ein Problem mit der Abgasrückführung am Caddy einen nervenaufreibenden Zwangsstopp im baden-württembergischen Allgäu. Mit ziemlich genau 24 h Stunden Verspätung erreichten wir das Tal von Chamonix dann endlich am Donnerstag Abend.

Auftakt im Winterraum

Dass wir nicht ohne Akklimatisierung auf den Mont-Blanc gestiegen sind, versteht sich von selbst. Um uns an die Höhe zu gewöhnen und unsere Seilschaft ein wenig einzuspielen, haben wir entschieden die ersten Tage auf dem Glacier d'Argentìere zu verbringen. Dieser liegt östlich des Mer de Glace und um diese Jahreszeit nehmen nur noch wenige Skialpinsten den langen Zustieg in Kauf, der zu den Öffnungszeiten des Refuge d'Argentière durch die Gondel extrem verkürzt wird. Uns kam dieser Umstand sehr gelegen, schließlich lieben wir Winterraum-Feeling und einsame Täler.

Nach der morgendlichen Materialschlacht brachen wir bei strahlendem Sonneschein und sengender Hitze mit unseren voll beladenden Rucksäcken auf. Dank Skipiste konnten wir schon relativ bald die Ski anschnallen und über das Skigebiet, das seinen Betrieb längst eingestellt hatte, zum Gletscher aufsteigen. Das Wetter wandelte sich, wie vorhergesagt am Nachmittag zu einer trüben Suppe und die Hütte erreichten wir bei leichtem Schneefall.

Na, wer findet unser Domizil?

Eine schwere Eisentür gab nach 6,5 h Zustieg dann den Zugang zur Hütte frei, die uns nicht nur mit einem alten Motorrad auf dem Dach überraschte: Der Trockenraum für das Equipment war riesig und wird vermutlich auch zu den Bewirtungszeiten genutzt, der Winterraum war dagegen sehr spartanisch ausgestattet. Ein Tisch, zwei Bänke, ein kleines Regal und ein Holzofen, bei dem die Tür fehlte. Immerhin gab es etwas Holz...

Während noch drei Franzosen nach uns eintrudelten, bereiteten wir schon unsere Nudeln auf dem mitgebrachtem Gaskocher zu und machten ein Plan für den kommenden Tag. Nach einigem hin und her, für und wieder, entschieden wir uns trotz des nassen Neuschnees für den Glacier du Milieu, der immerhin mit einer 4.2 im Führer bewertet wird.

Glacier du Milieu

Um 4:45 Uhr riss uns der Wecker unsanft aus dem Schlaf und wir zwangen uns zum Aufstehen. Die Frage "Wieso machen wir das eigentlich?" hatte sich spätestens nach dem Verlassen der Hütte erledigt: Die umliegenden Gipfel der Berge Aguille Verte, Les Droites, Les Courtes, etc. wurden von der Sonne ins erste Licht getaucht und ein paar Wolken vom Vortag sorgten für ein spannendes, mythisches Ambiente.

Auf den ersten Metern über das unübersichtliche Moränengelände wurde schnell klar, dass der gefallene Neuschnee schlecht mit der Altschneedecke verbunden war und durchaus als Schnnebrett taugen würde, weshalb wir Entlastungsabstände einhielten. Nachdem wir dann den Gletscherabbruch nach Westen gequert hatten, legten wir das Seil an und spurten durch etwas Neuschnee und querten die ein oder andere abgeblasene harte Stelle, bis wir auf rund 3300 m eine kleine Pause einlegten.

Beeindruckende Granitnadeln und Gletscherbrüche am Glacier du Milieu

Nach einem letzten Flachstück folgte schließlich der anstrengendste Teil des gesamten Aufstieges: Der Gletscher steile immer mehr und mehr auf und nach dem Überqueren des kleinen Bergschrunds, lösten wir die Seilschaft auf, um effizienter gehen zu können. Die Schneedecke war übrigens so unregelmäßig, dass keine akute Lawinengefahr bestand. Kathi und ich versuchten gleich zu Fuß in Falllinie hochzustapfen, sanken aber bei jedem Schritt so tief ein, dass wir nach rund 100 m die Ski wieder anlegten. Im steilen Hang konnten nur noch Harscheisen für den entsprechenden Grip sorgen und vor allem für unseren Splitboarder Manu wurde der Aufstieg zu einer äußerst anstrengenden Angelegenheit. Auch Kathi hatte große Probleme: Nach dem Skistiefel-Desaster auf Island (...hier im Blog nachzulesen) hatte sie neue Schuhe gekauft und anpassen lassen, konnte diese vor unserem Chamonix-Trip aber nicht mehr testen. Die Rechnung kam prompt - Schmerzen an den Knöcheln und an der Ferse! Dass sich ihr Fell dann noch vom Ski löste, war einfach nur noch nervig. Jaaja, die liebe Ausrüstung...

100 m unterhalb eines Durchschlupfes, der mit knapp 45° den steilsten Abschnitt darstellt, schnallten wir unsere Ski auf den Rucksack, legten Steigeisen an und folgten der Spur der drei Franzosen, die uns mittlerweile in unserer Spur eingeholt hatten. "Merci beaucoup!" - So geht Arbeitsteilung!

Stapfen, stapfen, stapfen, ...

Schritt, Schnaufen, Schritt, Schnaufen, Schritt, ... Auf 3600 m spürte ich die Höhe dann ordentlich! Da ich mit Kathi die letzten Wochen nur auf max. 1000 m unterwegs war, fehlte uns wirklich die gewohnte "Grund-Akklimatisierung" und ich kämpfte mit Kopfschmerzen und fehlender Energie.

Steil ist geil, aber anstrengend...

Dementsprechend hielt sich auch meine Gipfel-Euphorie etwas in Grenzen. Ich wollte einfach nur was essen, sitzen und mich nicht bewegen. Trotzdem genossen wir die Aussicht und liefen sogar noch zum Einstieg des bekannten Y-Couloirs, das steil nach Süden auf den Glacier des Améthystes führt. Für uns war diese Variante allerdings keine Option an diesem Tag. Manu und Jo wollten allerdings nicht über die Aufstiegsroute abfahren und entschieden sich für eine Variante, die Manu von weiter unten bereits eingesehen hatte. Kathi und ich bevorzugten über den uns bekannten Hang abzufahren und somit trennten sich unsere Wege, bis wir uns unterhalb des Bergschrundes wieder treffen würden.

Berg heil! Erster Westalpen-Gipfel :D

Leider hatte die Stapferei zum Y-Couloir und die Beurteilung der Variante so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es zwischenzeitlich extrem zugezogen hatte und wir mit 10m Sichtweite am Gipfel hockten. Über Funk blieben wir mit den anderen zwei in Verbindung und warteten bis es etwas besser wurde. Skifahrerische Gefühlsextasen blieben natürlich aus - kontrolliert fuhren wir Schwung für Schwung im leicht angefrorenen Schnee aus der Wolkendecke heraus. Da wir Manu und Jo noch nicht sehen konnten, warteten wir unterhalb des Bergschrunds an einem sicheren Sammelpunkt, von wo aus wir unsere Abfahrt gemeinsam fortsetzten.

Die restlichen Meter waren wenig spektakulär u d schließlich erreichten wir die Hütte, trockneten unsere Klamotten, sortierten das Material und kochten das nächste Kilo Nudeln. Kathi beschloss am nächsten Tag auf der Hütte zu bleiben, um auszuschlafen, das Kopfweh zu bekämpfen und die Füße zu schonen, während wir auf das Col d'Argentière gehen würden.

Ein wenig Mai-Powder und absolute Einsamkeit

Zur selben Uhrzeit wie am Vortag quälten wir uns aus den Hüttenschlafsäcken und kippten etwas Müsli mit Wasser zusammen. Hunger hatte um die Uhrzeit zwar noch niemand, aber ohne Frühstück fehlt einem unterwegs schnell die Energie. Nach einer Stunde standen wir vor der Hütte und begutachteten den wenigen Neuschnee der Nacht und überlegten uns, wie wir am besten ohne Höhenverlust nach Osten auf den Glacier du Tour Noir kommen. Da wir wenig Lust hatten über das steile Geröll der Moränen abzuklettern, rutschten wir auf Fellen bis zu einem kleinen Durchschlupf, trugen die Ski ein paar Meter hinab und querten dann im flacheren Gelände wieder nach Osten.

Die morgendliche Stimmung war bezaubernd: Die Gipfel waren von Woken eingehüllt und es dämmerte, während wir gleichmäßig richtung Gletscherzunge spurten. Dort seilten wir uns an und schnell hatten wir ein gutes Tempo gefunden und gewannen rasch an Höhe. Die großen Querspalten waren allgemein sehr gut eingeschneit und lediglich ein größerer Bruch auf 3200 m musste umgangen werden. Während des Aufstieges beobachteten wir auf der anderen Talseite einen Skialpinisten, der die Nacht ebenfalls auf dem Refuge d'Argentière verbracht hatte und die Nordostflanke von Les Courtes befahren wollte, aber offensichtlich viel zu spät aufgebrochen war. Als sich in den benachbarten sonnenbeschienen Flanken die ersten Lockerschneelawinen lösten, brach er schließlich ab. Gleichzeitig erreichten wir wieder weniger steiles Gelände, wo sogar noch eine ganz gute Powder-Auflage zu finden war. Sehr geil!

Damit uns die Sonne den Abfahrtsspaß vom Col d'Argentière nicht regelrecht anbraten würde, hielten wir uns an der Scharte (3520 m), trotz atemberaubender Aussicht nicht besonders lange auf. Ohne Seil genossen wir dann die Abfahrt im Pulverschnee, der erst relativ weit unten schwer wurde. Wahnsinn, Mittte Mai nochmal so ein Skispaß!

Ein kleiner Gegenanstieg trennte uns drei noch von der Hütte und dann packten wir unser gesamtes Equipment ein und fuhren gemeinsam mit Kathi über den großen Argentière-Gletscher und die Skipiste ins Tal. In den langen Querungen hielten wir uns dabei nicht lange auf, denn zahlreiche Lockerschneerutsche und Geräusche von Eis- und Felssturz machten deutlich, dass es eindeutig schon sehr warm geworden war...

Die letzten dreihundert Höhenmeter legten wir dann wieder zu Fuß zurück und schließlich waren wir wieder am Auto. Zwei Stunden Sitzen, Essen und Entspannen sind dann wirklich wie im Flug vergangen, ehe wir uns für das nächste große Abenteuer vorbereiteten... To be continued!

Ski Island #10 - Danke!!!

Wow! Sind wir nicht gestern erst gestartet?!? - Vier Wochen Island-Reise sind wirklich wie im Flug vergangen... Trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten waren es vier wunderbare Wochen in denen wir wirklich viel durchgemacht, erlebt und gelernt haben. 

Die Bedingungen waren mit Sicherheit nicht perfekt und für Island handelt es sich wirklich um einen schlechten Winter, aber das heißt noch lange nicht, dass wir nicht gefunden hätten, wofür wir in den hohen Norden gefahren sind. Powder, steile Rinnen, Skitouren mit Meerblick, lässiges Camplife, ... die Liste ist lang! ;) Auch wenn hier und da ein Quäntchen Glück nicht geschadet hätte und wir uns mit Sicherheit mehr Skiabfahrten gewünscht hätten, zeichnet sich ein Abenteuer doch genau dadurch aus, dass nicht alles nach Plan verläuft, oder? Die besten Momente sind diejenigen, mit denen man nicht gerechnet hätte...

Aus aktuellem, äußerst traurigen Anlass: Am Ende des Tages zählt sowieso nur, dass wir gesund und munter zurück sind!

(Am Tag unserer Rückkehr verunglückte der Schweizer Extrem-Bergsteiger Ueli Steck bei einer Akklimatisationstour im Himalaya tödlich und hinterlässt neben seiner Frau und Familie eine große Lücke in der Bergsportgemeinde. Für mich und viele andere junge Bergsteiger, war und ist "The Swiss Machine" mit seiner innovativen und schnellen Art des Bergsteigens ein inspirierendes Vorbild.)


An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die diesen Trip so einmalig und unvergesslich gemacht haben. Allen voran natürlich bei  Kathi, die sich auf die Idee "Skitouren auf Island" eingelassen, geduldig und authentisch gemodelt hat und die Motivation auch an scheinbar aussichtslosen Tagen nicht verloren hat. Ohne Dich wäre es nicht halb so schön gewesen!

Was hätten wir nur ohne Bjarni und Kristín getan? Ihr Café Gísli Eiríkur Helgi wurde für uns zu einer Art Rückzugsort und konnte definitiv mit der besten Fischsuppe überzeugen. Danke, dass ihr uns immer so unglaublich herzlich und gastfreundlich empfangen habt. We will be back!

Vielen Dank auch an unseren Sponsoren, darunter Heimplanet, die uns mit einem innovativen und geräumigen Zelt ein Dach über dem Kopf verpasst haben. Die Firma Taubenreuther GmbH hat uns mit einer Pioneer Dachplattform für den Pajero ausgestattet, auf der wir während unserer Reise unsere Campingstühle, die Ski und das Bergeequipment für das Auto sicher transportieren konnten. Ein herzliches Dankeschön geht auch an Alpina Sports, die mit ihren Brillen und Helmen dafür gesorgt haben, dass wir unterwegs immer einen klaren Blick bewahrt und jeden Sturz ohne Kopfverletzung überstanden haben. Damit wir beim abendlichen Kochen nicht im Dunkeln sitzen mussten, hat uns Bergzeit mit Stirn- und Stablampen zum Testen versorgt. Ein großes "Merci" geht an unsere Freunde von ZAG Skis aus Chamonix, die uns diesen Winter mit dem UBAC und dem UBAC XL zwei fantastische Paar Freetouring Ski zur Verfügung gestellt und damit den Spaß im Powder deutlich erhöht haben.

Und jetzt? - Ich sichte das Bildmaterial und freue mich den ein oder anderen Artikel über unser Abenteuer verfassen zu dürfen! Und unter uns: Der Winter ist noch nicht vorbei... Nach der Tour ist vor der Tour ;) Lasst Euch überraschen!

Euer Maxi!


Ski Island #9 - Abschied

Vor genau drei Wochen hatten wir zum ersten Mal die Berge um Dalvík gesehen, unser Zelt bei Sturm und starkem Schneefall aufgestellt und unseren Freund Bjarni und seine Frau kennen gelernt (Ski Island #1 - Kein Winter?!). Da am nächsten Tag unsere Fähre abends in Seyðisfjörður ablegen würde, war es für uns nun an der Zeit Abschied zu nehmen und deshalb statteten wir dem Café Gísli Eiríkur Helgi noch einen Besuch ab, genossen einen letzten Cappuccino und unterhielten uns mit dem "Vikinger". Wir machten noch ein Abschiedsbild und versprachen nach Dalvík einmal zurückzukommen. Vielleicht werden wir dann ja ein wenig mehr Glück mit den Bedingungen haben...

Die Fahrt zum Aldeyarfoss fühlte sich dann wirklich wie eine Heimfahrt an, obwohl wir ja noch etwas Reisestrecke übrig hatten. Wir hatten dieses Fleckchen Erde und die Menschen dort wirklich ins Herz geschlossen...

Die letzten Meter auf Island meldete sich dann auch das Auto zu Wort - das rechte Radlager war verschlissen und machte, wie letztes Jahr schon auf der anderen Seite, unschöne Geräusche. Inständig hoffte ich, dass wir es ohne Werkstatt noch nach Hause schaffen würden. Und ja, wir haben es geschafft! - Am 30. April erreichten wir nach der dreitägigen Fährfahrt, einem kleinem Zwischenstopp auf den Faröern und 1300 km Autobahn wieder unsere Heimatstadt München.

Ski Island #8 - Alternativprogramm

Kathis Knöchel waren noch stark geschwollen und da wir nicht so recht wussten, was wir dagegen tun können und vor allem, wie diese Schneiderballen so plötzlich entstanden sind, haben wir am Samstag dem Arzt einen Besuch abgestattet. Die Diagnose war denkbar einfach: auf Dauer zu enge Schuhe. Behandlung? - Kann man nix machen. Schmerzmittel nehmen und auf Tour gehen.

Wir machten trotzdem erstmal einen Ruhetag, gingen ins Schwimmbad und entspannten uns bei Bjarni im Café. Am Sonntag uns dann das Wetter mit erstaunlich viel Sonnenschein und Kathi meinte, dass wir schon nochmal eine Skitour versuchen könnten. Nach wenigen Metern war jedoch klar, dass ohne Schmerzmittel nichts geht und leider brachte selbst Ibuprofen 600 nicht die erhoffte Linderung und wir drehten an einem Joch wieder um. Die Abfahrt war dann noch viel schmerzhafter als der Aufstieg und wir waren ziemlich frustriert, als wir wieder im Auto saßen. Unter anderem auch deshalb, weil der nächste Tag perfektes Wetter bringen sollte und wir vermutlich nicht auf Tour gehen konnten. Unsere Laune besserten wir bei einem kleinen Ausflug auf einer völlig verschneiten Bergstraße auf, wo wir die blaue Stunde und tief verschneite Berge bewunderten. Die Tatsache, dass auf dem Weg noch keine einzige Reifenspur im vierzig Zentimeter tiefen Schnee zu sehen war, sorgte für ein wenig Nervenkitzel.

Tatsächlich entschieden wir uns am 24.4 dann gegen eine Tour: es ergab einfach keinen Sinn! Stattdessen kochten wir an der Küste bei herrlichem Sonnenschein ein grandioses Camping-Curry und statteten einer Pferdefarm einen Besuch ab.

Leider konnten wir keinen Blick auf die Polarlichter erhaschen, da der Himmel die ganze Nacht mit Wolken verhangen war.